Peter Radtke, Mitglied des Ethikrats, über Behinderte in Schulen
Die ersten acht Jahre als Volksschüler bekam Peter Radtke Privatunterricht. Es war eine Exklusivität wider Willen. Peter Radtke, 68 Jahre alt und langjähriges Mitglied des Deutschen Ethikrats, hat die Glasknochenkrankheit. Die Schulen wollten damals kein Risiko eingehen, der Junge musste zu Hause bleiben. Es sei ein schlimmer Moment gewesen, als man ihn aus der Schule ausschloss, erzählt Radtke. An der Universität Augsburg hielt der Autor und Schauspieler Ende voriger Woche einen Vortrag über 'Integration und Inklusion' an deutschen Schulen. Es war der Auftakt zu einer Reihe von Diskussionsabenden, mit denen die Universität und der Verein 'elwela - gemeinsam leben, gemeinsam lernen' die Debatte über eine Inklusion behinderter Kinder in den Regelschulen befördern möchte.
Die Veranstalter wollen sich lösen vom Blick auf die Defizite behinderter Schüler, und sie lassen behinderte Menschen selbst zu Wort kommen. Es sei nicht ganz einfach gewesen, mit seinem Rollstuhl auf die Bühne des Hörsaals zu kommen, sagte Radtke und hielt anschließend ein bewegendes Plädoyer für Inklusion als 'Abkehr von einer egozentrischen Sichtweise'. Inklusive Schulen, in denen behinderte Kinder ein selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft wären, würden ein tiefgreifendes Umdenken erfordern. Radtke kritisierte die Konzentration auf kognitive Leistungen und die strikte Ausrichtung der Schulen auf leistungsorientierte Ziele: 'Wir bilden Fachidioten heran und vernachlässigen das Herausbilden eines Gemeinschaftsgefühls.' Das Publikum spendete kräftigen Applaus, Radtke traf einen Nerv; im Hörsaal saßen viele Mütter und Väter, deren Kinder im Schulsystem an den Rand gedrängt werden.
Seit 2009 ist in Deutschland eine UN-Konvention zu den Rechten behinderter Menschen in Kraft, die eine Inklusion der Kinder in Regelschulen verlangt. In Deutschland, wo Behinderte bisher überwiegend in Sonderschulen unterrichtet werden (offiziell heißen sie 'Förderschulen'), müssen die Kultusminister das Schulsystem nun entsprechend umbauen.