2011-11-05

Wiesbadener Kurier - Mit hoffnungslosen Fällen beginnen

Rüdesheim

Mit hoffnungslosen Fällen beginnen

05.11.2011 - RÜDESHEIM
Von Caspar Söling
GASTKOMMENTAR Vincenzstift-Direktor Caspar Söling: Inklusion ist primär eine pädagogische Aufgabe
Schulische Inklusion besteht aus zwei einfachen Ideen: „Behinderte Kinder und nicht behinderte Kinder sollen gemeinsam lernen.“ Und: „Jedes Kind ist entsprechend seiner Bedürfnisse zu fördern.“
Gerne wird Inklusion mit einer Packung Gummibärchen verglichen. Im alten Schulsystem habe man die Gummibärchen nach Farbe sortiert, im neuen, angeblich inklusiven System werden sie bunt aneinander gereiht. Inklusion erscheint dann als eine Frage der Organisation, aber genau das ist falsch. Denn schulische Inklusion kann nur gelingen, wenn man sie primär als pädagogische Aufgabe versteht. „Sie muss bei den so genannten hoffnungslosen Fällen beginnen“, schreibt Klaus Dörner.
Je bunter Klassen sich zusammensetzen, umso mehr sind die Lehrer gezwungen, den Blick auf das einzelne Kind zu richten. Eine Belehrung aller zur gleichen Zeit ist dann nicht mehr möglich. Anne Ratzki spricht deshalb vom „Diversity Management“. Das klingt banal, de facto handelt es sich um einen aufwändigen Prozess. Der Frontalunterricht ist vorbei, stattdessen werden Lehrer zu Coaches ihrer Schüler. Sie entwickeln Lernarrangements, die es den einzelnen Schülern ermöglichen, entsprechend ihrer Möglichkeiten den Stoff zu erarbeiten. Die Schüler kommen dadurch stärker in die Rolle von Akteuren, die sich ihre Bildung erarbeiten. Schulnoten orientieren sich nicht einfach an den Standards eines Jahrgangs, sondern für jeden Schüler - ob behindert oder nicht - wird vor Beginn des Schuljahres ein Förderplan gemeinsam mit den Eltern erarbeitet. Am Ende des Schuljahres wird betrachtet, welche Ziele er erreicht hat.
Inklusive Bildung erfordert eine Haltungsänderung der Lehrer. Ihre Rolle ändert sich zum Lernbegleiter, der sich eng mit Eltern abstimmt. Seine Fachkenntnisse verwandelt er in Bildungswelten, die Schüler erobern wollen. Dazu ist es notwendig, dass sie wissen, was ein Schüler zu leisten vermag und was nicht. Sie müssen sich mit den unterschiedlichen Arten der Beeinträchtigung befassen und damit umzugehen lernen. Eltern sind dabei wichtige Ansprechpartner.
Schulische Inklusion kann deshalb nur gelingen, wenn die betreffenden Schulen mit fachlich ausgebildeten Teams arbeiten. Regelschullehrer und Förderschullehrer bilden stabile, dauerhafte Teams, die von pädagogischen Fachkräften unterstützt werden. Gemeinsam bereiten sie die Unterrichtswelt vor und gemeinsam bieten sie im Unterricht den Schülern die Möglichkeit, diese Bildungswelten zu erkunden.
Ob Inklusion ihre ganze, wünschenswerte Kraft entfalten, hängt von den Rahmenbedingungen ab. An dieser Stelle hat die Politik die große Verantwortung, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass diese Teams auch vorhanden und finanzierbar sind.
Wiesbadener Kurier - Mit hoffnungslosen Fällen beginnen

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