2011-11-11

Wir sterben wie wir leben - Warum die Euthanasie in Europa auf dem Vormarsch ist und was sich letztlich dahinter verbirgt

11.11.2011 15:22

Wir sterben wie wir leben

Nach dem Fall einer demenzkranken Frau in den Niederlanden: Warum die Euthanasie in Europa auf dem Vormarsch ist und was sich letztlich dahinter verbirgt. Von Stefan Rehder
(..)
Dem Buchstaben des Gesetzes folgend dürften in Belgien nur mündige Bürger, die im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte sind, einen Arzt bitten, sie zu töten, wenn sie entweder unheilbar krank sind oder aber unter anhaltenden psychischen Störungen leiden. Ausdrücklich ausgenommen wurden damals geistig Behinderte und Demenzpatienten.
Allerdings plädiert der einflussreiche Brüsseler Mediziner Wim Distelmans, Vorsitzender des aus Ärzten, Juristen und anderen Fachleuten zusammengesetzten belgischen Kontrollgremiums, schon seit Jahren dafür, auch Jugendlichen und Alzheimer-Patienten die Tötung auf Verlangen zu ermöglichen. Außerdem fordert Distelmans, Ärzte, die keine Patienten töten wollen, zu zwingen, diese an Kollegen zu überweisen, welche die Euthanasie befürworten. Auch davon steht im Gesetz bis heute nichts. Zwar wurde das Gesetz 2005 weiter liberalisiert und die „Tötung auf Verlangen“, die ursprünglich faktisch nur Krankenhausärzten vorbehalten war, auch den Hausärzten ermöglicht und die Apotheken gezwungen, für diese sogenannte Euthanasie-Kits vorzuhalten, doch an der Regelung, dass kein Arzt gezwungen werden könne, an einer Euthanasie mitzuwirken, hielt der Gesetzgeber auch damals fest.
Doch Papier ist bekanntlich geduldig. Auch in den Niederlanden. Dort haben jetzt alle fünf regionalen Aufsichtskommissionen erstmals die Tötung einer 64-jährigen schwer dementen Frau gebilligt (DT vom 10. November). Bis dato galt in den Niederlanden, die als erstes Land in Europa im April 2002 die „Tötung auf Verlangen“ straffrei gestellt hatten, dass nur solche Demenzkranke einen Arzt bitten können sie zu töten, die in der Lage sind, diesen Willen noch klar und wiederholt zu äußern. Die 64-Jährige hatte zwar früher einmal schriftlich erklärt, sie zöge die Euthanasie einer Unterbringung in einem Pflegeheim vor. Zum Zeitpunkt ihrer Tötung durch den Arzt war sie jedoch gar nicht mehr in der Lage, eine Bitte um „Tötung auf Verlangen“ zu formulieren. Die 1973 gegründete „Niederländische Vereinigung für ein freiwilliges Lebensende“ (NVVE), die jahrelang für die Abschaffung des Tötungsverbots gekämpft hatte und maßgeblichen Anteil an der Einführung der „Tötung auf Verlangen“ in den Niederlanden hat, bezeichnete die Billigung des im Gesetz nicht vorgesehenen Falls umgehend als „wichtige Etappe“ und eine „Botschaft“ an Ärzte, die schwer demenzkranken Patienten Sterbehilfe verweigerten. Laut Gesetz dürfen Ärzte in den Niederlanden nur Patienten töten, „deren Zustand aussichtslos“ und deren „Leiden unerträglich“ sind und die Antrag auf „Tötung auf Verlangen“, so die Formulierung, „freiwillig und nach reiflicher Überlegung gestellt“ haben.
Dessen ungeachtet töten in den Niederlanden Ärzte jedes Jahr Menschen, die nie darum gebeten haben. Drei von der Regierung in Auftrag gegebene Studien, bei denen den Ärzten die Wahrung der vollständigen Anonymität zugesichert worden war, beziffern den Anteil der „Tötung ohne Verlangen“ an allen Patiententötungen auf jeweils rund 25 Prozent. Nach ihren Motiven für ein derartiges Tun befragt, gaben die Ärzte Gründe wie „die Nächsten konnten es nicht mehr ertragen“ (38 Prozent) oder auch „geringe Lebensqualität“ (36 Prozent) zu Protokoll.
All das zeigt: Von dem in den siebziger Jahren behaupteten Ziel, nämlich Menschen einen qualvollen Tod zu ersparen, denen Ärzte trotz aller Fortschritte auf dem Gebiet der Schmerztherapie nicht helfen konnten, hat sich die Praxis in den Ländern, die zu Beginn des dritten Jahrtausends die Euthanasie in Europa eingeführt haben, in nicht einmal einer Dekade inzwischen meilenweit entfernt.
Längst töten Ärzte Menschen, die weder unerträgliche Schmerzen leiden, noch unheilbar erkrankt sind. Und sogar solche, die nie darum gebeten haben. Fragt man nach den Ursachen für diese Entwicklung, so trifft man gleich auf ein ganzes Bündel.
Wir sterben wie wir leben - Die Tagespost - Katholische Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...