2012-08-27

Patientenrechte - Wider Willen in der Psychiatrie - München - sueddeutsche.de


Patientenrechte  

Wider Willen in der Psychiatrie

01.07.2012, 09:02
Von Florian Fuchs und Stefan Mühleisen 
 
Auf dem Papier ist die Sache ziemlich eindeutig: Gegen ihren Willen dürfen Menschen nur dann in eine psychiatrische Klinik gebracht werden, wenn sie sich selbst oder andere akut bedrohen. Darüber entscheidet ein Richter. In der Praxis ist das oft schwierig. Häufig müssen Polizisten entscheiden, also medizinische Laien
Wie die Situation anfing, weiß Joseph K. nicht mehr genau. Der Schock hat die Erinnerung verwischt. In sein Gedächtnis eingebrannt hat sich die Fahrt im Krankenwagen. Die Wehrlosigkeit, mit Handschellen gefesselt auf der Trage zu liegen. Die Panikattacke, als Polizisten und Pfleger ihn in der Klinik drängen, sich "freiwillig" ins Bett zu legen. Die Ohnmacht, als die Gurte klicken und ein Beamter sagt: "Machen Sie keine Schwierigkeiten." Dann die Einsamkeit. Stunde um Stunde spricht niemand mit ihm, bis plötzlich ein Pfleger kommt und ihn auffordert: "Schlucken Sie das!" Joseph K. ist froh, dass überhaupt jemand mit ihm redet.

Bundeskriminalamt (BKA)   
Zwei Beamte im Job: Der Verdächte wird gefesselt. (© dapd)
 
Die 600 Zuhörer im Saal schweigen betreten, als Gottfried Wörishofer diese Patienten-Geschichte vorträgt. Er ist Geschäftsführer des Vereins Münchner Psychiatrie-Erfahrene, einer Selbsthilfegruppe psychisch Kranker. Wörishofer schildert den Fall Joseph K. als Beispiel. "Diese Menschen sind schwer krank, keine Schwerverbrecher", sagt er.
Ein Vormittag im Isar-Amper-Klinikum München-Ost in Haar. Im großen Saal des Gesellschaftshauses drängen sich die Besucher zur Fachtagung "Unterbringung und rechtliche Betreuung in der Psychiatrie". Großer Andrang für ein schwieriges Thema. Ärzte, Pfleger, Sozialpädagogen und Juristen diskutieren, ob und wie Zwangsmaßnahmen im Umgang mit Psychiatrie-Patienten angebracht sind.
Nach vielen Vorträgen wird klar: Lange wurde über das schwelende Problem geschwiegen, jetzt soll die Systemfrage gestellt werden. Kliniker, Patientenverbände und Juristen wollen sich nicht mehr damit abfinden, dass ein Gesetz es Polizisten - also medizinischen Laien - erlaubt, psychisch Kranke im Handumdrehen in die Klinik zu verfrachten. Doch nicht nur diesen Hoppla-Hopp-Freiheitsentzug mit anschließendem Ruck-Zuck-Gerichtsurteil empfinden die Teilnehmer als unerträglich. Auch prangern Betroffene wie Wörishofer die nach seiner Darstellung gängige Praxis an, Kranke wie Kriminelle zu behandeln.
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