2012-10-16

Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen wichtiger Schritt zur Wahrung der Würde alt und gebrechlich gewordener Menschen bei der Betreuung

16.10.2012 - Pressemitteilung
Schirmherrschaft des Hessischen Ministeriums der Justiz, für Integration und Europa für gemeinsame Veranstaltung des Amtsgerichts Wetzlar und der Betreuungsbehörde des Lahn-Dill-Kreises

Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen wichtiger Schritt zur Wahrung der Würde alt und gebrechlich gewordener Menschen bei der Betreuung
Das Amtsgericht Wetzlar und die Betreuungsbehörde des Lahn-Dill-Kreises richteten heute in Kooperation mit der Betreuungs- und Pflegeaufsicht eine Veranstaltung aus, in der das Modellprojekt „Werdenfelser Weg“ und Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen bei der Betreuung vorgestellt wurden. Die Veranstaltung richtete sich insbesondere an Heim-, Pflegedienst- und Wohnbereichsleitungen sowie fachärztliche Gutachter.
Die Schirmherrschaft hatte das Hessische Ministerium der Justiz, für Integration und Europa übernommen.
In ihrem Grußwort dankte für das Justizministerium Frau Richterin am Oberlandesgericht Gabriele Slutzky den Veranstaltern und betonte: „Am Amtsgericht Wetzlar haben Sie sich ganz aktuell zusammen mit der Betreuungsbehörde des Lahn-Dill-Kreises und der Betreuungs- und Pflegeaufsicht einem Thema zugewandt, dass die Grundrechte der Betroffenen besonders in den Blick nimmt: Die freiheitsentziehenden Maßnahmen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich heute bei den Richterinnen und Richtern der Betreuungsabteilung, die diese Veranstaltung nun seit etwa einem halben Jahr zusammen mit der Betreuungsbehörde vorbereiten, ganz herzlich zu bedanken. Was sie in Wetzlar begonnen haben, wirkt über Ihren Amtsgerichtsbezirk hinaus. Auch in anderen Teilen Hessens wird derzeit intensiv über Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen in der Pflegepraxis nachgedacht.“
Slutzky verwies auf den „Werdenfelser Weg“. Dieser ist bereits Modellprojekt für gleichartige Initiativen in anderen Landkreisen in Deutschland und zu einem Synonym geworden für berufsübergreifende Ansätze zur Verringerung der Fixierung von alten Menschen. Das Projekt macht deutschlandweit Schule. In immer mehr Landkreisen und Städten bundesweit gehen die Gerichte mittlerweile diesen Weg. Dazu gehört auch das Betreuungsgericht (Amtsgericht) Wetzlar.
Ziel ist es dabei, alte Menschen weniger zu fixieren, denn auch die Fixierung birgt Verletzungsgefahr, da die Muskelmasse abnimmt und dadurch die alten Menschen noch schwächer, noch gebrechlicher und noch sturzgefährdeter werden. Selbst beim Anlegen von Bauchgurten oder beim Hochziehen von Bettgittern kommt es immer wieder mal zu schweren Verletzungen oder alte Menschen strangulieren sich gar zu Tode.
„Die Bandbreite pflegerischer Maßnahmen, die eine Fixierung entbehrlich machen, ist größer als je zuvor“, so Richterin am Oberlandesgericht Slutzky, die dazu erläuterte: „Moderne Niedrigflurbetten machen eine bodennahe Lagerung sturzgefährdender Menschen möglich. Der Einsatz von Bettgittern kann so in geeigneten Fällen entbehrlich werden. Protektorenhüftgurte, Frakturenschutzmatten und ähnliches können sturzbedingte schwere Verletzungen verhindern. Manchmal kann es auch schlicht helfen, an den Wänden von Heimen einfache Geländer anzubringen, wo sich die Bewohner festhalten können, wenn sie unsicher laufen. Regelmäßige altersgerechte Angebote für Gymnastik und Gleichgewichtsübungen halten Menschen mobil, die ohne solche Anreize rasch dauerhaft ans Bett oder den Rollstuhl gefesselt sind.“
Letztlich müsse eine an den Problemen des Betroffenen orientierte konkrete Vermeidungsalternative für die beim Gericht beantragte freiheitsentziehende Maßnahme entwickelt werden, die von allen Beteiligten auch als umsetzbar akzeptiert werde. Dabei sollten die Maßnahmen neben höchstmöglicher Sicherheit auch Bewegungsfreiheit und Lebensqualität bieten. Das gerichtliche Verfahren nach dem Vorbild des „Werdenfelser Weges“ habe deshalb gar nicht so stark das Gericht im Blick. Es solle vielmehr die in den Einrichtungen vorhandene Kreativität und das Einfühlungsvermögen der einzelnen Pflegekräfte für den Einzelfall herausfordern und fördern. Die bestehenden und auch nachvollziehbaren Ängste vor Haftungsrisiken sollten nicht mehr länger wesentliche Entscheidungsfaktoren sein. Eine der Grundängste der Heimbetreiber und Pflegeverantwortlichen werde dabei ernst genommen, nämlich, dass eine zunächst gewissenhafte Abwägung Monate später nach einem Sturzereignis rückblickend als unverantwortlich dargestellt werde. Der gerichtliche Beschluss diene deshalb hier vor allem der Dokumentation der konkreten Risikobewertung und Güterabwägung aller Beteiligten für die Zukunft, um so späteren Regressforderungen die Tatsachengrundlage zu entziehen.
„Alle Beteiligten des Verfahrens einzubinden und gemeinsam nach Alternativen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen zu suchen, ist insoweit der entscheidende Ansatz. Deshalb unterstützt das Hessische Justizministerium sehr gern diese wichtige Veranstaltung für die weiteren Beteiligten am Betreuungsverfahren durch die Übernahme der Schirmherrschaft“, so Gabriele Slutzky abschließend.  

Pressestelle: Ministerium der Justiz, für Integration und Europa
Pressesprecher: Dr. Hans Liedel
Telefon: (0611) 32 2695, Fax: (0611) 32 2691
E-Mail: pressestelle@hmdj.hessen.de

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