2013-07-16

1. Disability und Mad Pride Berlin - Rede von Theresia Degener - YouTube



Theresia Degener, Berlin 13. Juli 2013

Liebe Freunde und Freundinnen, liebe Freaks, liebe Krüppel und Verrückt, liebe Lahme, liebe Eigensinnige, Blinde Kranke und Normalgestörte!
Liebe alle, die ihr hier auf der ersten deutschen DISABILITY & MAD PRIDE am 13. Juli 2013 in Berlin versammelt seid.
Ich bin Theresia Degener, eine der Veteraninnen der deutschen Krüppel- und Behindertenbewegung und heute Professorin für Recht und Disability Studies. Außerdem bin ich auch Mitglied im Ausschuss der Vereinten Nationen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die meisten von Euch und Ihnen werden mich in dieser Rolle als Expertin in Sachen Menschenrechte und Behinderung kennen.
Es ist für mich eine große Ehre auf der Bühne zu stehen und ein paar Worte sprechen zu dürfen.
Gleich zu Anfang möchte ich dem Parade - Bündnis und den Leuten die dahinter stehen danken für die großartige Idee eine Disability and Mad Pride Parade in Deutschland zu organisieren. Eigentlich ist es unvorstellbar, dass es bislang in Deutschland keine Disability and Mad Pride Parade gegeben hat. Das Vorbild, die Disability Pride Parade in Chicago feiert nächste Woche schon ihren 10ten Geburtstag. Mittlerweile gibt es Disability Pride Parades in vielen Städten nicht nur in den USA sondern auch in so unterschiedlichen Ländern wie Norwegen, Südkorea und Großbritannien.
Aber in Deutschland hat es so eine Parade noch nie gegeben, obwohl die radikale deutsche Behindertenbewegung schon über 30 Jahre alt ist. Als eines der historischen Meilensteine gilt ja das Krüppel-Tribunal von 1981, das wir damals als Protestaktion gegen das UNO-Jahr der Behinderten in Deutschland organisierten. Wir haben damals Menschenrechtsverletzungen an Behinderten durch den Staat und die großen Wohlfahrtsverbände angeklagt. Wir haben an konkreten Fällen aufgezeigt, dass Psychiatriepatienten und –patientinnen misshandelt, zwangssterilisiert und erniedrigend behandelt werden; dass behinderte Frauen innerhalb und außerhalb von Behinderteneinrichtungen vergewaltigt werden, dass Behinderte durch Barrieren im öffentlichen Nah-und Fernverkehr diskriminiert werden und Vieles mehr.
Für mich war das Krüppel-Tribunal 1981 und unsere anderen Proteste in diesem Jahr eine große Offenbarung. Ich hatte gerade mein Jurastudium aufgenommen und als einzige offensichtlich Behinderte unter 300 Studierenden sehr schnell zu spüren bekommen, dass ich dort an der Johann-Wolfgang-Goethe -Universität Frankfurt nicht vorgesehen war. Professoren waren irritiert, Kommilitonen und Kommilitoninnen verunsichert. Das Studium der Rechtswissenschaften war ein Kurs in Diskriminierung aushalten und ich habe diesen Kurs bestanden, weil ich mich bereits in einer Regelschule bewährt hatte. Ich wusste, wie man in der Nichtbehindertenkultur überlebt.
Die Vorbereitungen für das Krüppel-Tribunal 1981 haben mich mit Streitgenossen und –genossinnen der Krüppelszene zusammengebracht. Ich traf Behinderte, die so wütend waren wie ich. Behinderte, die die Nase voll hatten von der ewigen Anpassung an den Terror der Normalität; Behinderte, die sich provokativ Krüppel nannten und die Rolle des Musterkrüppelchens, das dankbar, lieb, doof und leicht zu verwalten ist, ablehnten. Diese Zeit damals war eine wichtige Zeit der Identitätsfindung, als politische Behinderte, als Feministin, als Linke. Sie prägt mich und meine Identität auch heute noch, als über 50jährige Professorin, die nicht mehr gegen die UNO sondern mit der UNO arbeitet und die gewiss nicht mehr ganz so häufig schrille Töne von sich gibt.
Was ich aber schon damals in der Krüppelszene vermisst habe und erst gefunden habe, als ich in der internationalen Behindertenbewegung aktiv wurde, ist dass wir uns und unsere Arbeit zu wenig zelebriert haben. Wir haben viel und auch oft erfolgreich protestiert, ## aber wir haben zu wenig gefeiert. Umso erfreulicher ist es nun hier auf der ersten Disability Mad& Pride Parade in Berlin zu stehen und mit euch und Ihnen zu feiern.
Disability Pride Parades haben drei wunderbare Ziele:
1. Soll Behinderung neu und anders gedacht werden. Vom medizinischen Modell von Behinderung, nachdem wir Behinderte vor allem als medizinische Probleme, therapeutische Herausforderungen, leidende Wesen und Rehabilitationsobjekte gelten, gilt Abschied zu nehmen. Stattdessen wollen wir das Menschenrechtsmodell von Behinderung in den Köpfen der Menschen verankern. Nach dem Menschenrechtsmodell von Behinderung sind wir vor allem und zuerst Menschen, die eine unantastbare Würde und unveräußerliche Menschenrechte haben. Erst die Verweigerung dieser Menschenrechte macht unsere gesundheitlichen Abweichungen zu einem Problem, macht uns zu ANDEREN zu den sogenannten AUCH- Menschen. Erst die Verweigerung von Menschenrechten macht uns Behinderte zu Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Es ist höchste Zeit, die Verschleierung und Legitimierung von Menschenrechtsverletzungen an Behinderten durch das medizinische Modell zu enttarnen. Sondereinrichtungen für Behinderte sind keine Schonräume sondern Apartheid. Mitleid mit Behinderten ist keine Tugend sondern Dominanzverhalten. Zwangsbehandlung ist keine Therapie sondern Traumatisierung.
2. Sollen Disability Pride Parades uns Behinderten helfen, unsere eigenen Minderwertigkeitsgefühle zu verlieren. Indem wir uns auf der Straße in einer Parade zeigen und gemeinsam tanzen, wollen wir unsere verinnerlichte Scham über unser Anderssein, über unsere Beeinträchtigungen, über unsere Schräg- und Verrücktheiten öffentlich ablegen. Aus der Diskriminierungsforschung wissen wir, dass Unterdrückung dort am besten funktioniert, wo die Unterdrückten die Ideologie der Unterdrücker verinnerlicht haben. Diejenigen, die sich selbst als minderwertig sehen, empfinden keine Verletzung, wenn ihre Würde getreten wird. Diejenigen, die sich selbst als Problem sehen, fordern keine Rechte ein, wenn sie verletzt werden. Diejenigen, die ihr Anderssein als Schicksal bedauern, fügen sich in die Ungerechtigkeit.
Disability & Mad Pride brauchen wir Behinderten und Verrückten tagtäglich, um der Wucht der Stigmatisierungen, der Gewalt der Entwürdigung, der Heftigkeit der Diskriminierungen zu widerstehen. Behindertenstolz brauchen wir ganz besonders in unserer deutschen Kultur. Eine deutsche Kultur, die noch vor siebzig Jahren Menschen, denen eine Behinderung zugeschrieben wurde, massenhaft und industrialisiert zwangssterilisiert und ermordet hat. Aus der Euthanasieforschung wissen wir – Götz Aly hat es jüngst erneut publiziert- dass die Mehrheit der Bevölkerung und sogar die Mehrheit der Familienangehörigen die T-4-Morde an Behinderten stillschweigend gebilligt haben. Die Politik des Heilens oder Vernichtens wurde in Deutschland nicht mit dem Nationalsozialismus beendet. Viele der NS-Täter und Täterinnen konnten insbesondere in Westdeutschland in der Medizin und in der Behindertenhilfe munter weitermachen. Eine klare Zäsur hat es nie gegeben. Ich gehöre zu den sogenannten Contergangeschädigten, die Anfang der 60er Jahre geboren wurden, gerade einmal 15 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus. Warum von den über 10.000 contergangeschädigten Neugeborenen nur ein Viertel überlebte, wurde niemals genau erforscht. Die meisten von uns Überlebenden hörten aber von unseren Eltern, dass ihnen damals direkt nach der Geburt unsere Tötung als Lösung angeboten wurde. Wir leben in einer deutschen Kultur, in der die Geburt eines behinderten Kindes immer noch und schon wieder als Schande gilt. Es ist kaum verwunderlich, dass die Mehrheit der Schwangeren in Deutschland sich selbstverständlich für eine Abtreibung aufgrund einer möglichen Schädigung des Embryos entscheidet. Es ist kaum verwunderlich, dass in Deutschland immer wieder über Euthanasie als Rettung für die Menschenwürde von schwerbehinderten Neugeborenen und dementen Alten diskutiert wird. Eine deutsche Kultur, die auf Behinderung immer wieder nur als Antwort „Heilen oder Vernichten“ kennt, hinterlässt Spuren in jedem und jeder einzelnen Behinderten. Aber so wie wir gelernt haben, uns als minderwertig zu fühlen und uns für unsere Andersartigkeit zu schämen, so können wir das Erlernte auch wieder verlernen. Die Disability &Mad Pride Parade ist eine großartige Gelegenheit dazu. Wir sind hier, weil wir stolz sind auf uns und weil wir es wert sind, gesehen zu werden. Wir sind hier, weil wir uns wertschätzen und den Respekt vor unserer Würde einfordern. Wir sind hier, weil wir mutig sind und laut.
3. Das ist dann auch zugleich das dritte Ziel von Disability Pride Parades. Disability Mad and Pride Parades sind dazu da unsere Andersartigkeit zu zelebrieren. So wie es in Artikel 3 der Behindertenrechtskonvention heißt, feiern wir uns heute als Teil der menschlichen Vielfalt. Wir sind heute auch auf der Straße weil wir viel zu bieten haben: wir sind behindert und verrückt, wir sind aber auch lesbisch, bi oder straight, wir sind alt und jung, wir sind weiß oder people of color, wir sind Migrant_innen und Nichteinwander_innen, wir sind Frauen, Männer und Intersexuelle und Transgender, wir sind vor allem hier und heute bunt und frech.
Es ist an der Zeit, dass wir uns feiern, es ist an der Zeit, dass Behinderte auch in Deutschland es wagen frech und stolz zu sein, dass wir unsere Andersartigkeit zelebrieren, Behinderung als Lebensstil wertschätzen, den Respekt vor unserer Würde einfordern. Das sind unsere Bedingungen für Inklusion, denn wir sind nicht mehr bereit, uns dem Terror der Normalität zu beugen. Als Symbol für den Terror der Normalität habe ich heute meinen Sohn Emil mitgebracht….. (Emil winkt, …) der diesen mithilfe von ein wenig Holz und Pappe für uns darstellt. (Emil zeigt Verkleidung & Brett…. Theresia tritt Brett durch.
1. Disability und Mad Pride Berlin - Rede von Theresia Degener - YouTube

Theresia Degener ist Professorin für Recht und Disability Studies an der Evangelischen Fachhochschule Rheinland Westfalen Lippe in Bochum.
Sie studierte Rechtwissenschaften in Frankfurt am Main an der Johann Wolfgang Goethe Universität, das sie 1986 mit dem Ersten Juristischen Staatsexamen beendete. Ihren Master of Law (LL.M.) erhielt sie 1990 von der University of California, Berkeley, USA. Sie promovierte 1992 im Fachbereich Rechtswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe – Universität. Das Assesorexamen legte sie 1993 im Land Hessen, Landgerichtsbezirk Frankfurt a.M. ab.
Sie lehrt an verschiedenen ausländischen Hochschulen zum Thema internationale Menschenrechte u.a. 1999/2000 an der juristischen Fakultät der University of California, Berkeley, USA und als außerordentliche Professorin 2007 -2010 an der juristischen Fakultät der University of Western Cape, (UWC) Kapstadt, Südafrika. Dort ist sie Kuratoriumsmitglied im Center for Disability Law and Policy. Seit Juni 2008 ist sie Netzwerkmitglied im Harvard Law School Project on Disability - Ihre Forschungsgebiete sind z. Zt. Behindertenrecht, Antidiskriminierungsrecht und Internationale Menschenrechte, sowie gender studies und disability studies.
2000-2001 war sie Mitglied der Enquetekommission des Bundestages “Recht und Ethik der modernen Medizin”. 2002 – 2006 war sie Mitglied der deutschen Delegation beim Ad Hoc Ausschuss der Vereinten Nationen zur Vorbereitung einer Behindertenrechtskonvention.
2005 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Horst Köhler für ihre Verdienste in der Behindertenpolitik.

Am 1.September 2010 wurde sie zum Mitglied des Ausschusses der Vereinten Nationen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen gewählt.
Sie ist Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Disability Studies in Deutschland.
Seit 1995 ist sie Selbstverteidigungstrainerin nach der Methode „Jede Frau und jedes Mädchen kann sich wehren“ (Sunny Graff / Regina Speulta) )
Sie lebt mit ihrem Mann, Robert Kissel, und ihren beiden Söhnen Emil und Franz in der Nähe von Wuppertal. http://www.efh-bochum.de/homepages/degener/

www.efh-bochum.de

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