2012-08-18

Die Mordmaschine - Zeitung Heute - Tagesspiegel

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Die Mordmaschine

17.08.2012 00:00 UhrVon Wolf Thieme
Kein Gesetz. 1998 hob der Bundestag das Erbgesundheitsgesetz von 1933 auf. Da war Elvira Manthey 67 Jahre alt und trat als Zeitzeugin vor Schulklassen auf. Fotos: privat
Kein Gesetz. 1998 hob der Bundestag das Erbgesundheitsgesetz von 1933 auf. Da war Elvira Manthey 67 Jahre alt und trat als Zeitzeugin vor Schulklassen auf. Fotos: privat
Sie hießen „Heil- und Pflegeanstalten“, aber hinter ihren Mauern wurde von NS-Ärzten Euthanasie betrieben. Jetzt will Brandenburg / Havel daran erinnern – und auch an das Mädchen Elvira. 

Elvira Manthey ist schwer dement und liegt in einem Heim in Lübeck. Sie erinnert sich an nichts und niemanden, sagt mal freundlich „Guten Tag“, mal nicht und liegt zart, zerbrechlich, mit selbst gestrickten Strümpfen in ihrem Bett wie ein kleines Kind. Heinz Manthey, inzwischen auch schon 82, besucht sie so oft wie möglich. Er verwahrt die Akten, die Fotos. Elvira Hempel, wie sie vor ihrer Hochzeit hieß, 1938 bei der Aufnahme in das Mordheim Uchtspringe, als lebenslustige junge Frau nach dem Krieg.
Dann das Foto von Schwester Lisa, die nicht mal fünf Jahre alt wurde. Heinz Manthey blickt auf das Bild eines stillen Kindes. Er weint.
Es hieß Euthanasie, aber es war heimtückischer Mord an Ahnungslosen und Ahnungsvollen, Geisteskranken und angeblich Geisteskranken, behinderten Babys, Kindern und Alten, ausgeweitet auf Juden, sozial „Auffällige“, nicht Systemkonforme und politisch Andersdenkende. Begangen von Ärzten, Pflegern, Krankenschwestern, nicht von Einsatzgruppen oder KZ-Mannschaften.
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