2011-10-28

Psychiatrieerfahrene als Partner | Südwest Presse Online

Eigentlich ist die „Peer-to-Peer“-Beratung nur ein kleines Angebot, das die verschiedenen Möglichkeiten der Therapie in der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik ergänzen kann. Trotzdem ist die Beratung ein Zeichen für ein sich wandelndes Verhältnis zwischen Pflegepersonal und Patienten.
„Peer-to-Peer“-Beratung, hinter diesem englischen Begriff versteckt sich schlicht die Gesprächsmöglichkeit für Psychiatriepatienten mit einem seit vielen Jahren Psychiatrieerfahrenen. Klaus Laupichler aus Herbrechtingen steht jeden Montag ab 16 Uhr auf Station 41 für vertrauliche Gespräche zur Verfügung. „Ich bin nicht gesund“, sagt der 57-Jährige, der insgesamt sechs Jahre seines Lebens stationär in psychiatrischer Behandlung war. „Ich kann aber trotzdem ein sinnvolles Leben führen – wie viele andere psychisch Kranke auch“, fügt Laupichler hinzu. Diese Erfahrung möchte er gerne an andere Patienten weitergeben, ihnen die Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Situation vermitteln, sie begleiten und ihnen zuhören.
Vor zwei Jahren hat der damals noch neue Chefarzt der Klinik für Psychiatrie Dr. Martin Zinkler Klaus Laupichler direkt angesprochen und für diese Form der Beratung gewonnen. Noch ungewöhnlicher, als dass es dieses Angebot überhaupt gibt, ist es, dass Laupichler auch bei einer Fortbildung für psychiatrieerfahrene Berater („Ex-In“ in Stuttgart) finanziell vom Klinikum unterstützt wurde und für seine Beratungstätigkeit honoriert wird.
„Für mich als Arzt ist die Beratung eine Bereicherung, weil die Behandlung um das Element des persönlichen Erfahrungsschatzes erweitert wird“, sagt Dr. Zinkler. Was man auch wissen muss: Zwischen Patientenvertretern und Medizinern gibt es in der Psychiatrie große Meinungsdifferenzen, in der es beispielsweise um die Anwendung von Zwang und Gewalt, aber auch um die Sinnhaftigkeit einer medikamentösen Behandlung geht. „In Deutschland sind die Fronten sehr verhärtet“, sagt Zinkler, in England, wo er zuvor gearbeitet hat, habe er die Erfahrung gemacht, dass Ärzte und Patienten unkompliziert und pragmatisch zusammenarbeiten würden.
Dass man in der Psychiatrie die Patienten als Partner sieht und sie nicht bevormundet, ist für Zinkler aus mehreren Gründen notwendig: „Die Psychiatrie hat auf viele Fragen der Patienten nur unzureichende Antworten“, erklärt er. Die Psychiatrie sei viele Irrwege gegangen, von denen der krasseste die Ermordung von Psychiatriepatienten im Nationalsozialismus gewesen sei. Aber auch die Anstaltspsychiatrie und das „Wegsperren“ von Patienten hält er für ebenso kritikwürdig wie die medikamentösen Behandlungsverfahren, „deren Nutzen über viele Jahre hinweg übertrieben und deren Gefahren missachtet wurden.“
Der Begriff der „Gesundheit“ müsse in der Psychiatrie vom Patienten definiert werden und nicht vom Arzt. Klaus Laupichler geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ich bestehe auf das Recht des Andersseins und möchte so akzeptiert werden“, sagt er.

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