2011-11-13

Pflege und NS-„Euthanasie“ | T4

Pflege und NS-„Euthanasie“

Autor: Michael Bossle
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Lernen mit Phänomenen aus Vergangenheit und Gegenwart
Einleitung
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit Lernangeboten für Pflegende in Aus-, Fort- und Weiterbildung. Angesichts des ökonomischen Wandels, dem das Gesundheitswesen seit spätestens Mitte der 1990er-Jahre des letzten Jahrhunderts unterliegt, will er Beitrag auch anderen beteiligten Berufsgruppen und Disziplinen des Gesundheitswesens Anreiz sein, sich vertieft mit der Thematik der NS-„Euthanasie“ auseinanderzusetzen. Das Lernen aus der Vergangenheit ist ein Lernen vor den Hintergründen unserer modernen, sich mehr und mehr ausdifferenzierenden Gesellschaft der Gegenwart.
Hintergrund
Die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens hat gegenwärtig einschneidende Auswirkungen auch auf die Pflege. Immer mehr Patienten müssen in immer kürzerer Zeit von immer weniger Pflegenden versorgt werden. Für die Lernenden der Pflege heißt das Dilemma konkret: die eigenen beruflich professionellen Ansprüche in ein angemessenes Verhältnis zu diesen beschnittenen Ressourcen (Zeit, Personalnot, Handlungsdruck und Best-Practice-Gedanke) zu bringen. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, die auch als Priorisierungen bezeichnet werden können. Wer/was kommt als Erstes, wer/was als Zweites und wer/was kommt im schlimmsten Falle gar nicht (mehr) an die Reihe? Sehr oft bringt diese Herausforderung einen „Praxisschock“ für EinsteigerInnen der Pflegeberufe mit sich, denn theoretisch wird am Lernort Schule nicht „das Urteilen gelernt, sondern Urteilskriterien, ihre Beziehung zueinander und ihr Abgewogenwerden“.[1] In Gegenwart und in Zukunft muss es also konkret darum gehen, das ethisch-moralische Bewusstsein der Lernenden zu unterstützen und sie berufsspezifisch auch vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung des Berufes mit einem ethisch-moralischen Professionalisierungsverständnis zu konfrontieren. Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus mag eine äußerst kontrastierende Sicht auf die Dinge bringen, betrachtet man allerdings spezifische Pflegephänomene, die das pflegerische Handeln im Bereich der Beziehungsgestaltung abbilden, dann wird schnell klar, dass jedes pflegeimmanente, handlungsleitende Menschenbild mit der eigenen persönlichen und beruflichen Haltung verbunden ist. Jedes Menschenbild ist aber auch von wissenschaftlichen, sozialen und politischen Denkrichtungen seiner Zeit oder vom Zeitgeist geprägt. Dies müssen die Akteure erkennen und reflektieren, denn die gegenwärtige Ökonomisierung des Gesundheitswesens macht auch ein wesentliches Element der NS-„Euthanasie“ wieder aktuell: das Kosten-Nutzen-Denken. Welchen Einfluss hat dies derzeit auf pflegerisches Handeln und auf Ansichten über den Wert des Lebens?

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