2011-11-13

Sonderweg Förderschulen: Hoher Einsatz, wenig Perspektiven Eine Studie zu den Ausgaben und zur Wirksamkeit von Förderschulen in Deutschland

In Deutschland werden 400.000 Schülerinnen und Schüler an Förderschulen unterrichtet. Dafür
geben die Bundesländer Jahr für Jahr 2,6 Milliarden Euro zusätzlich, d.h. für zusätzliche Lehrkräfte
an Förderschulen, aus. Ca. 800 Millionen Euro entfallen davon auf die rund 180.000 Schülerinnen
und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Die übrigen 1,8 Milliarden Euro gehen in die
Förderung von 221.000 Kindern und Jugendlichen mit anderen Förderschwerpunkten.
Das ist, flüchtig betrachtet, das Kernergebnis der vorliegenden Studie, die von Prof. Klaus Klemm
im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellt wurde. Und auf den ersten Blick scheint dies wenig
aufsehenerregend: Kinder und Jugendliche bekommen in Förderschulen eigens auf ihren Bedarf
zugeschnittenen Unterricht. Gut ausgebildete pädagogische Fachkräfte fördern sie individuell in
kleinen Klassen – das klingt nach sinnvollen Investitionen.
Bei  genauer  Betrachtung  stimmt  jedoch  nachdenklich,  dass  internationale  und  nationale  Stu-
dien zumindest für den Förderschwerpunkt Lernen das Gegenteil belegen: Die Leistungen von
Förderschülerinnen  und  -schülern  entwickeln  sich  demnach  ungünstiger,  je  länger  sie  auf  der
Förderschule sind. In Deutschland schafft nur ein Bruchteil der Förderschülerinnen und -schüler
den Sprung zurück auf eine allgemeine Schule. Im Ergebnis machen am Ende der Pflichtschulzeit
77,2 Prozent von ihnen keinen Hauptschulabschluss. Kinder mit besonderem Förderbedarf, die im
Gegensatz dazu im Gemeinsamen Unterricht mit Kindern ohne Förderbedarf lernen und leben,
machen im Vergleich deutlich bessere Lern- und Entwicklungsfortschritte. Zudem profitieren auch
die Kinder ohne Förderbedarf vom Gemeinsamen Unterricht, indem sie höhere soziale Kompeten-
zen entwickeln, während sich ihre fachbezogenen Schulleistungen nicht von den Leistungen der
Schülerinnen und Schüler in anderen Klassen unterscheiden.
Nachdenklich  stimmen  auch  die  großen  Unterschiede  zwischen  den  einzelnen  Bundesländern.
Während in Rheinland-Pfalz 4,4 Prozent aller vollzeitschulpflichtigen Kinder und Jugendlichen
eine Förderschule besuchen, sind es in Mecklenburg-Vorpommern 10,9 Prozent. Von den Schü-
lerinnen  und  Schülern  mit  Förderbedarf  besuchen  in  Bremen  44,9  Prozent  den  Gemeinsamen
Unterricht, in Niedersachsen aber lediglich 4,7 Prozent. Damit stellt sich die Frage, welcher bil-
dungspolitische Weg in Bezug auf die Feststellung des Förderbedarfs als auch der individuellen
Förderung für die Kinder und Jugendlichen der beste Ansatz ist.      

Klar  ist:  Im  internationalen  Vergleich  beschreitet  Deutschland  mit  seinem  hoch  differenzierten
Förderschulsystem einen Sonderweg. Während in Ländern wie Italien, Spanien oder in Skandi-
navien fast alle Kinder mit Förderbedarf in allgemeinen Schulen unterrichtet werden, erhalten in
Deutschland nur 15 Prozent einen solchen inklusiven Unterricht. Ein Großteil der 2,6 Milliarden
Euro, die Jahr für Jahr zusätzlich in das Förderschulsystem fließen, sollte daher langfristig wirk-
samer in ein inklusives Schulsystem investiert werden. Soviel Inklusion wie möglich: Das muss
das Ziel sein, auch wenn sich die in der Studie angeführten wissenschaftlichen Untersuchungen
primär auf Kinder mit dem Förderschwerpunkt Lernen beziehen. Kinder brauchen für ihre Ent-
wicklung und die Entfaltung ihres Potenzials Kontakt zu anderen Kindern, brauchen gleichaltrige
Vorbilder  –  egal  ob  sie  Lernschwierigkeiten,  Wahrnehmungsprobleme  oder  eine  geistige  oder
körperliche Behinderung haben.
Die  vorliegende  Studie  ist  Teil  des  Projekts  „Folgekosten  unzureichender  Bildung“  der  Bertels-
mann Stiftung. Es will deutlich machen, wie wichtig ein chancengerechtes und leistungsstarkes
Bildungssystem für jeden Einzelnen ist und welche langfristigen Wirkungen gezielte und bedarfs-
orientierte Investitionen in Bildung für die gesamte Gesellschaft haben. Denn das Bildungsniveau
der Bevölkerung entscheidet maßgeblich über die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. In dem
Projekt  wird  mit  Partnern  aus  der  Wissenschaft  untersucht,  welchen  Einfluss  Bildung  auf  das
individuelle Lebenseinkommen, eine gesundheitsbewusste Lebensführung, das gesellschaftliche
und politische Engagement, aber auch auf kriminelles Verhalten hat. Diese Zusammenhänge bil-
den die Grundlage für die Berechnung der Kosten, die langfristig durch unzureichende Bildung
auf  die  Gesellschaft  zukommen.  Dazu  zählen  beispielsweise  Transferleistungen,  entgangene
Steuerzahlungen, Kosten im Gesundheitsbereich oder in der Strafverfolgung. Sie fallen an, weil
es  im  Rahmen  des  Bildungssystems  nicht  gelingt,  dass  jeder  junge  Erwachsene  einen  soliden
Grundstock an Kompetenzen aufbauen kann, der ihm eine selbstbestimmte und aktive Teilhabe an
der Gesellschaft ermöglicht.
Die Kosten unzureichender Bildung aufzudecken, kann aber nur ein erster Schritt sein, der einen
Diskurs über Reformen im Bildungsbereich anstößt. Ziel der Reformen sollte aus Sicht der Bertels-
mann Stiftung ein inklusives Bildungssystem sein, das allen Kindern zugänglich ist und jedem
einzelnen Kind unabhängig von seiner individuellen Ausgangslage, seiner sozialen oder ethni-Vorwort
schen Herkunft bestmögliche Bildungschancen und Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet. Deutsch-
land hat sich bereits mit der im März 2009 in Kraft getretenen UN-Behindertenrechtskonvention
verpflichtet, den Weg hin zu einem inklusiven Schulsystem zu beschreiten. Einige Bundesländer
haben hier auch schon ein gutes Stück des Weges zurückgelegt. Andere hingegen stehen noch am
Anfang des Veränderungsprozesses.
Klar ist auch: Der Übergang zu einem inklusiven Schulsystem kann dabei nicht von heute auf
morgen  erfolgen.  Notwendig  ist  ein  evolutionärer  Prozess,  der  alle  Beteiligten  –  Schülerinnen
und Schüler, Eltern, Lehrkräfte und Schulleitungen – mitnimmt und ihnen gerecht wird. Ohne die
nötigen Kompetenzen der Lehrkräfte und ohne auf individuelle Förderung eingestellte Schulen ist
keinem beim Umbau in Richtung eines inklusiven Schulsystems geholfen. Dieser Prozess sollte
aber jetzt Fahrt aufnehmen. Sonst geben wir weiterhin viel Geld für einen Sonderweg aus, der für
zu viele in einer Sackgasse endet. Das zeigt die vorliegende Studie: Diese zusätzlichen 2,6 Milli-
arden Euro an öffentlichen Mitteln in die bestmögliche individuelle Förderung für jedes Kind zu
investieren, brächte uns schrittweise einem chancengerechten und leistungsstarken Schulsystem
näher.

Sonderweg Förderschulen: Hoher Einsatz, wenig Perspektiven (pdf)

Eine Studie zu den Ausgaben und zur Wirksamkeit von Förderschulen in Deutschland
Prof. em. Dr. Klaus Klemm
Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung

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