Innsbruck Land
275.000 Euro für Expertenkommission zu Hall
Historiker durchleuchten NS-Zeit an der Psychiatrie in Hall. Personal, Anstalt und warum der Friedhof in Vergessenheit geriet werden untersucht.
Von Anita Heubacher
Innsbruck – Am Montag wird die Landesregierung die Finanzierung für die Expertenkommission in der Regierungssitzung absegnen. 275.000 Euro stehen dem Team rund um den Historiker Univ.-Doz. Bertrand Perz zur Verfügung. Grundlage für das Budget war eine Kostenkalkulation der Kommission. Mit dem Geld werde man mit drei Mitarbeitern rund zwei Jahre lang die Vorgänge an der Psychiatrie in Hall während der NS-Zeit und nach 1945 erforschen können, erklärte Perz gegenüber der Tiroler Tageszeitung. Im Jänner dieses Jahres setzte das Land die Kommission ein, nachdem im Zuge von Bauarbeiten beim Krankenhaus Hall ein Gräberfeld mit den Überresten von 220 Menschen gefunden worden war.
Das Arbeitsprogramm der Kommission umfasst laut Perz vier Schwerpunkte. 1. Das Personal: Wer waren die handelnden Akteure? Wer war in der Pflege, wer in der Verwaltung tätig? 2. Die Anstalt: Hall war die zentrale Anstalt im Gau Tirol-Vorarlberg. Welche Rolle die Psychiatrie in Hall im NS-Euthanasieprogramm eingenommen hat, will die Kommission hinterfragen. 3. Die Nachgeschichte: Was war der Wissensstand oder die Vorstellung der Angehörigen über die Vorgänge in der Psychiatrie? Wie konnte der Friedhof in Vergessenheit geraten?
4. Die Todesursache: Diese ganz große Frage will Perz mit dem Projektteam der Tilak klären, das unabhängig von der Expertenkommission arbeitet. „Das systematische Aushungern der Patienten, die verabreichte Hungerkost oder direkte Gewaltanwendung als Todesursache festzustellen, das ist Aufgabe der Archäologen, Anthropologen und der Mediziner“, unterstreicht Historiker Perz. In zwei bis drei Wochen dürften die Ausgrabungen in Hall beendet sein, rechnet Tilak-Sprecher Johannes Schwamberger. Die Arbeiten seien sehr viel umfangreicher ausgefallen als ursprünglich angenommen. Das Hauptziel des Tilak-Projektteams sei, alle Opfer zu identifizieren. „Es sind zwar ausführliche Krankenakten vorhanden, allerdings ist eine Zuordnung der Überreste schwierig. Dazu muss man auch die Systematik des Friedhofs erkunden“, sagt Schwamberger.
Experten sind sich uneinig darüber, ob es überhaupt möglich sein wird, anhand von Knochenresten festzustellen, ob und bei wem die Hungerkost die Todesursache war. Eine ähnliche Problematik stellt sich auch bei den Knochen, die man gefunden hat. Hier versucht das Tilak-Projektteam herauszufinden, wann die Knochenbrüche stattfanden – vor oder nach dem Tod des Opfers. „Die Frage ist, ob man das überhaupt feststellen kann“, sagt auch Perz. In seiner Expertenkommission sitzen mit Alexander Zanesco und dem Historiker Oliver Seifert auch zwei Mitglieder bzw. der Leiter des Tilak-Projektteams. „Wir arbeiten eng zusammen. Die Kommission soll allerdings sicherstellen, dass nicht die Tilak sich selbst ihre Vorgängereinrichtung untersucht“, sagt Perz. Wie viel Geld seitens der Tilak in die Untersuchung gesteckt wird, lässt sich noch nicht abschätzen.
Die Tilak will in Hall mehrere Gedenkstätten errichten. „Es wird ein Denkmal am Fundort und ein Museum auf dem Areal des Krankenhauses geben“, sagt Schwamberger. Man sei auch bereits mit der Stadt Hall in Verhandlung, ob man die sterblichen Überreste der Opfer am Haller Friedhof beisetzen werde. Voraussetzung dafür sei das Einverständnis der Angehörigen.
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