Burkhard Madea: "2 000 Tötungsdelikte bleiben jedes Jahr unerkannt"
Bonn. Über ungeklärte Todesfälle und Gewaltkriminalität gegen alte Menschen sprach mit Burkhard Madea, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Bonn, Delphine Sachsenröder.Burkhard Madea leitet die Bonner Rechtsmedizin. Foto: Roland Kohls
Burkhard Madea: Wir gehen in Deutschland davon aus, dass jedes Jahr rund 2 000 Tötungsdelikte nicht erkannt werden. Darunter sind nach meiner Erfahrung sehr viele ältere Leute. Das Leben kann immer da relativ spurenarm ausgelöscht werden, wo es schwach ist, also bei den ganz Jungen oder bei den Alten.
GA: Gibt es zu wenige Obduktionen?
Madea: Ja, eindeutig. In Deutschland gibt es bei 820 000 Todesfällen im Jahr gerade einmal rund 18 000 gerichtliche Obduktionen. Gerade bei alten Leuten werden die Diagnosen zu wenig hinterfragt. Hier brauchen wir zusätzlich zu den Obduktionen chemisch-toxikologische Untersuchungen, da neben Ersticken die Vergiftung durch Medikamente eine häufige Tötungsart ist.
GA: Was muss sich ändern?
(...)
GA: Welche Verletzungen sehen Sie bei älteren Menschen besonders häufig?
Madea: Im Umfeld der Sterbephase kommt es besonders häufig dazu, dass ältere Leute wundgelegene Stellen haben, sogenannten Dekubitus. In dieser Phase wäre größere ärztliche Aufmerksamkeit nötig.
GA: In vielen Heimen ist die sogenannten Fixierung, also das Fesseln von alten Menschen üblich.
Madea: Darauf sollte möglichst verzichtet werden. Wir haben hier in Bonn mehrere Todesfälle durch Fixierung gesehen. Besonders betroffen hat mich der Selbstmord eines alten Mannes gemacht, der sich in seinem eigenen Bett an einem Kabel erhängt hat. Als Grund hatte er in einem Abschiedsbrief eine Entwürdigung durch die Fixierung genannt. Personalmangel in Heimen darf kein Grund für eine Fixierung sein. Hier sind die Politik und auch die Kostenträger, also die Krankenkassen, gefordert.
GA: Es gab in den letzten Jahren verschiedene Mordfälle durch Pfleger in Heimen und Krankenhäusern. Wie kommt es dazu?
Burkhard Madea: 2 000 Tötungsdelikte bleiben jedes Jahr unerkannt (18.08.2011) | Bonn | Lokales | General-Anzeiger Bonn