"Angefragt als Psychiatrieerfahrener mit seiner Perspektive auf das Thema, möchte ich zunächst ein paar Vorbemerkungen aus zwei anderen Rollen machen: Ich bin Lehrer an einem Gymnasium in
Krefeld. (...)
Ich unterrichte Biologie und Physik. Naturwissenschaftler sind erfolgreich damit gewesen, zu beobachteten Phänomenen die Ursachen zu suchen. In der Technologie streben sie danach, Abläufe zu kontrollieren und in den Dienst des Menschen zu stellen. Sie fanden Kräfte, die sich anhand ihrer Wirkungen identifizieren und messen lassen, Viren und Bakterien, die Krankheitssymptome auslösen. Sie schließen von messbar veränderten Blutwerten auf Erkrankungen und wirken darauf ein. Sie
fanden veränderte Gene, die zu Störungen im Stoffwechsel von Lebewesen führen.
Wer die Abläufe kennt, kann Mittel schaffen, sie zu beeinflussen.
Hirnstoffwechselstörung - nur ein Modell
Erfolge in Technik und Medizin prägen unsere Vorstellungen von der Natur und unser Menschenbild. Das Modell vom Menschen als einem komplexen biochemischen Automaten ergibt sich daraus.
Sich (wieder) zu erinnern, dass Modelle immer nur Teilaspekte der Wirklichkeit erfassen, ist in einer vor allempharmakologisch arbeitenden Psychiatrie und den von ihr beeinflussten Institutionen
besonders wichtig. Die psychiatrische Sicht von „psychischer Krankheit“ ergibt sich aus der naturwissenschaftlichen Tradition westlicher Medizin. Forschung ist bei uns meist pharmakologische Forschung und verschlingt mehr als 90% der Forschungsgelder. Pharmakologische Studien 1) fallen meist so aus, dass ihre Ergebnisse dem nutzen, der sie bezahlt hat. Sie prägen das öffentliche Bild von „psychischen Erkrankungen“ und bestimmen maßgeblich die Behandlungskonzepte.
BRK - Paradigmenwechsel in der Auffassung von Behinderung
Das der BRK zugrunde liegende soziale Modell von Behinderung löst das medizinische Paradigma ab. Demzufolge waren es vor allem körperliche Beeinträchtigungen, unter denen Menschen leiden.
Heute wird anerkannt, dass die sozialen Folgen sie oft mehr behindern. Sie ergeben sich aus der Wechselwirkung mit dem jeweiligen Umfeld. Stellen wir uns z.B. einen normal intelligenten Menschen mit einer spastischen Sprachlähmung vor. Wer darüber nichts weiß, nimmt ihn vielleicht als „geistig behindert“ wahr, und reagiert entsprechend auf ihn. Das kann den Betreffenden behindern, seine Fähigkeiten normal und gleichberechtigt zu entwickeln. Er hat es schwerer, eine seinen Möglichkeiten
entsprechende Ausbildung zu machen und einen passenden Arbeitsplatz zu finden. (...)
Der in der BRK vollzogene Paradigmenwechsel zum sozialen Modell von Behinderung ist aus meiner Sicht nicht nur der Schlüssel zu einem anderen Verständnis von dem, was Psychiater psychische
Krankheit/Behinderung nennen. Er fordert auch andere Schwerpunkte bei ihrer Erforschung und Behandlung.
Psychosoziale Lösungen für psychosoziale Probleme
...ist das Motto der Zukunft, in der pharmakologische Interventionen von der Regel zur Ausnahme werden könnten. (...)
Ich weiß, dass es auch unter Betreuern und Ärzten viele gibt, die schon vor der Unterzeichnung im Sinne der BRK gehandelt haben. Die dürfen sich mit mir über die Rückendeckung freuen, die sie bei
Konflikten mit Institutionen und Menschen bekommen, die in dieser Hinsicht mehr „Nachbesserungsbedarf“ haben. (...)
Hindernisse bei Veränderungen im Sinne der BRK
Gesetze und Sonntagsreden beeindrucken bequeme Menschen nicht. Manche Betroffene sind der Meinung, dass Menschenrechtsverletzungen in den Versorgungssystemen erst aufhören, wenn für Täter Nachteile entstehen, die größer sind als die Vorteile. Umgekehrt hätten diejenigen einen Nachteil, die sich an die Gesetze halten. Es ist klar, wohin das führen würde.
Wer es also ernst meint mit der BRK, muss Verstöße gegen sie u. a. durch fühlbare Strafen unattraktiv machen und die Einhaltung ihrer Vorgaben attraktiv. Missbrauch einer gerichtlich verliehenen Autorität gegenüber Patienten / Betreuten, muss auch gerichtlich sanktioniert werden. Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich, heißt es.
Die BRK mahnt an, dass Behinderung nicht zum Einfallstor für Menschenrechtsabbau werden darf unter dem Vorwand, alles geschehe zum Wohle des Betroffenen. Sonderwelten und Sondergesetze für
behinderte Menschen werden durch die BRK auf den Prüfstand gesetzt.(...)"
BRK – Kompass zur Entwicklung psychosozialer Hilfssysteme
Beitrag von Kalle Pehe, Mut zum Anderssein Krefeld zur Jahrestagung des Diakonischen
Fachverbandes für Betreuungsvereine am 30.9.2010 in Köln