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2011-04-07

BRK – Kompass zur Entwicklung psychosozialer Hilfssysteme Beitrag von Kalle Pehe, Mut zum Anderssein Krefeld zur Jahrestagung des Diakonischen Fachverbandes für Betreuungsvereine am 30.9.2010 in Köln

 
"Angefragt  als  Psychiatrieerfahrener mit  seiner  Perspektive  auf  das  Thema, möchte  ich  zunächst  ein  paar  Vorbemerkungen aus zwei anderen Rollen machen: Ich  bin  Lehrer  an  einem  Gymnasium  in
Krefeld. (...)
Ich  unterrichte  Biologie  und  Physik.  Naturwissenschaftler  sind  erfolgreich  damit gewesen, zu beobachteten Phänomenen die Ursachen  zu  suchen.  In  der  Technologie streben  sie  danach,  Abläufe  zu  kontrollieren  und  in  den  Dienst  des  Menschen  zu stellen. Sie fanden Kräfte, die sich anhand ihrer Wirkungen identifizieren und messen lassen,  Viren  und  Bakterien,  die  Krankheitssymptome auslösen. Sie schließen von messbar  veränderten  Blutwerten  auf  Erkrankungen  und  wirken  darauf  ein.  Sie
fanden  veränderte  Gene,  die  zu  Störungen im  Stoffwechsel  von  Lebewesen  führen.
Wer die Abläufe kennt, kann Mittel schaffen, sie zu beeinflussen.

Hirnstoffwechselstörung  -  nur  ein  Modell
Erfolge  in  Technik  und  Medizin prägen unsere Vorstellungen von der Natur und unser Menschenbild. Das Modell vom Menschen  als  einem  komplexen  biochemischen Automaten ergibt sich daraus.
Sich   (wieder)   zu   erinnern,   dass Modelle  immer  nur  Teilaspekte  der  Wirklichkeit  erfassen,  ist  in  einer  vor  allempharmakologisch   arbeitenden   Psychiatrie und den von ihr beeinflussten Institutionen
besonders    wichtig.    Die    psychiatrische Sicht  von  „psychischer  Krankheit“  ergibt sich aus der naturwissenschaftlichen Tradition westlicher Medizin. Forschung ist bei uns   meist   pharmakologische   Forschung und  verschlingt  mehr  als  90%  der  Forschungsgelder.     Pharmakologische     Studien 1)    fallen  meist  so  aus,  dass  ihre    Ergebnisse  dem  nutzen,  der  sie  bezahlt  hat.  Sie  prägen  das  öffentliche  Bild  von  „psychischen  Erkrankungen“  und  bestimmen maßgeblich die Behandlungskonzepte.
 
BRK  -  Paradigmenwechsel  in  der  Auffassung von Behinderung

Das  der  BRK  zugrunde  liegende soziale  Modell  von  Behinderung  löst  das medizinische  Paradigma  ab.  Demzufolge waren es vor allem körperliche Beeinträchtigungen,  unter  denen  Menschen  leiden.
Heute  wird  anerkannt,  dass  die  sozialen Folgen  sie  oft  mehr    behindern.  Sie  ergeben sich aus der Wechselwirkung mit dem jeweiligen  Umfeld.    Stellen  wir  uns    z.B. einen  normal  intelligenten  Menschen  mit einer spastischen Sprachlähmung vor. Wer darüber  nichts  weiß,  nimmt  ihn  vielleicht als  „geistig  behindert“  wahr,  und  reagiert entsprechend auf ihn. Das kann den Betreffenden  behindern,  seine  Fähigkeiten  normal und gleichberechtigt zu entwickeln. Er hat es schwerer, eine seinen Möglichkeiten
entsprechende Ausbildung zu machen  und einen passenden Arbeitsplatz zu finden. (...)
Der  in  der  BRK  vollzogene  Paradigmenwechsel  zum  sozialen  Modell  von Behinderung ist aus meiner Sicht nicht nur der  Schlüssel  zu  einem  anderen  Verständnis  von  dem,  was  Psychiater  psychische
Krankheit/Behinderung  nennen.  Er  fordert auch andere Schwerpunkte bei ihrer Erforschung und Behandlung. 
Psychosoziale Lösungen für psychosoziale Probleme
...ist  das  Motto  der  Zukunft,  in  der  pharmakologische  Interventionen  von  der  Regel  zur  Ausnahme  werden  könnten. (...)
Ich  weiß,  dass  es  auch  unter  Betreuern  und  Ärzten  viele  gibt,  die  schon vor der Unterzeichnung im Sinne der BRK gehandelt haben.  Die dürfen sich mit mir über die Rückendeckung freuen, die sie bei
Konflikten  mit    Institutionen  und  Menschen  bekommen,  die  in  dieser  Hinsicht  mehr „Nachbesserungsbedarf“ haben. (...)
Hindernisse  bei  Veränderungen  im  Sinne der BRK
Gesetze  und  Sonntagsreden  beeindrucken bequeme Menschen nicht. Manche Betroffene  sind  der  Meinung,  dass  Menschenrechtsverletzungen in den Versorgungssystemen   erst   aufhören,   wenn   für   Täter Nachteile entstehen, die größer sind als die Vorteile.  Umgekehrt  hätten  diejenigen  einen Nachteil, die sich  an die Gesetze halten.  Es  ist  klar,  wohin  das  führen  würde.
Wer es also ernst meint mit der BRK, muss Verstöße  gegen  sie  u.  a.  durch  fühlbare Strafen unattraktiv machen und die Einhaltung  ihrer  Vorgaben  attraktiv.  Missbrauch einer  gerichtlich  verliehenen  Autorität  gegenüber  Patienten  /  Betreuten,  muss  auch gerichtlich  sanktioniert  werden.  Vor  dem Gesetz sind alle Menschen gleich, heißt es.
Die  BRK  mahnt  an,  dass  Behinderung nicht  zum  Einfallstor  für  Menschenrechtsabbau  werden  darf  unter  dem  Vorwand, alles  geschehe  zum  Wohle  des  Betroffenen.  Sonderwelten  und  Sondergesetze  für
behinderte  Menschen  werden  durch  die BRK auf den Prüfstand gesetzt.(...)"

BRK – Kompass zur Entwicklung psychosozialer Hilfssysteme
Beitrag von Kalle Pehe, Mut zum Anderssein Krefeld zur Jahrestagung des Diakonischen
Fachverbandes für Betreuungsvereine am 30.9.2010 in Köln
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