Ich bin 1938 geboren, habe einen fortschreitenden Muskelschwund, konnte die ersten 10 Jahre meines Lebens noch laufen und besuchte von 1946 bis 1950 in Frankfurt die Grundschule. Anschließend ging ich zu einer Realschule und merkte bei meiner Entlassung 1956, dass mein weiterer Lebensweg anders zu verlaufen drohte als der meiner Mitschüler. Ich hatte all diese Jahre eine Regelschule besucht, weil zu dieser Zeit das Sonderschulunwesen noch nicht so ausgeprägt war wie einige Jahre später.
Trotz dieser Zufallsintegration gelang es mir 1956 nicht, eine Berufsausbildung zu erhalten, ich fand trotz Bemühungen keine Lehrstelle. Ich begann damals, Nachhilfeunterricht in verschiedenen Fächern zu geben. Auf diese Weise sicherte ich bescheiden meine Existenz und füllte mein Leben mit einer sinnvollen Aufgabe. Diese Tätigkeit übte ich bis 1972 aus. Ich lebte bei meiner Mutter. Sie versorgte mich, half mir bei allen möglichen Verrichtungen und gab mir die notwendige Pflege. Als sie 1972 plötzlich starb, war ich mit einem Schlag auf mich gestellt und musste mir überlegen, wie mein Leben weitergehen sollte.
Ein Heim kam damals für mich nicht in Frage - ich kann heute nicht mehr sagen, wieso ich eine solche Abneigung gegen Heime hatte. Fakt war, ich begann in Frankfurt eine rollstuhlgerechte Wohnung zu suchen und bemühte mich, mit dem Arbeitsamt abzuklären, was ich beruflich als 34jähriger Rollstuhlfahrer machen könnte.
Bei der Wohnungssuche sagte man mir schon beim ersten Anruf, dass es in Frankfurt keine einzige rollstuhlgerechte Wohnung gebe. Diese Auskunft schien mir ganz unglaublich, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich der einzige Rollstuhlfahrer in dieser Stadt sein sollte. Ich bemühte mich weiter um eine zugängliche Wohnung und erhielt vom Wohnungsamt die Anschriften einiger Altenwohnungen, die mehr zufällig rollstuhlzugänglich waren. Bei dem Versuch, mir diese Wohnungen anzusehen, merkte ich sehr schnell, dass die Öffentlichen Verkehrsmittel mit dem Rollstuhl nicht zu benutzen waren und dass es keinen besonderen Fahrdienst für mich gab. Diese Erfahrung war für mich vollkommen unakzeptabel: Ich dachte mir, es kann doch eigentlich nicht sein, dass Rollstuhlfahrer in einer Stadt nicht leben können. Ich verstand nicht, dass Politiker die Bedarfe behinderter Menschen in ihren Entscheidungen unberücksichtigt ließen.
Für mich war unsere Lebenssituation politisch verursacht - durch politische Entscheidungen dieser Gesellschaft wurden wir zu Behinderten und wir nahmen diese Rolle, die uns den Entscheidungen anderer unterwarf, an...
ForseA - 20 Jahre Assistenz - Gusti Steiner: Wie alles anfing - Konsequenzen politischer Behindertenselbsthilfe