Theresia Degener, Berlin 13. Juli 2013
Liebe Freunde und Freundinnen, liebe Freaks, liebe Krüppel und
Verrückt, liebe Lahme, liebe Eigensinnige, Blinde Kranke und
Normalgestörte!
Liebe alle, die ihr hier auf der ersten deutschen DISABILITY & MAD PRIDE am 13. Juli 2013 in Berlin versammelt seid.
Ich bin Theresia Degener, eine der Veteraninnen der deutschen
Krüppel- und Behindertenbewegung und heute Professorin für Recht und
Disability Studies. Außerdem bin ich auch Mitglied im Ausschuss der
Vereinten Nationen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Die
meisten von Euch und Ihnen werden mich in dieser Rolle als Expertin in
Sachen Menschenrechte und Behinderung kennen.
Es ist für mich eine große Ehre auf der Bühne zu stehen und ein paar Worte sprechen zu dürfen.
Gleich zu Anfang möchte ich dem Parade - Bündnis und den Leuten
die dahinter stehen danken für die großartige Idee eine Disability and
Mad Pride Parade in Deutschland zu organisieren. Eigentlich ist es
unvorstellbar, dass es bislang in Deutschland keine Disability and Mad
Pride Parade gegeben hat. Das Vorbild, die Disability Pride Parade in
Chicago feiert nächste Woche schon ihren 10ten Geburtstag. Mittlerweile
gibt es Disability Pride Parades in vielen Städten nicht nur in den USA
sondern auch in so unterschiedlichen Ländern wie Norwegen, Südkorea und
Großbritannien.
Aber in Deutschland hat es so eine Parade noch nie gegeben,
obwohl die radikale deutsche Behindertenbewegung schon über 30 Jahre alt
ist. Als eines der historischen Meilensteine gilt ja das
Krüppel-Tribunal von 1981, das wir damals als Protestaktion gegen das
UNO-Jahr der Behinderten in Deutschland organisierten. Wir haben damals
Menschenrechtsverletzungen an Behinderten durch den Staat und die großen
Wohlfahrtsverbände angeklagt. Wir haben an konkreten Fällen aufgezeigt,
dass Psychiatriepatienten und –patientinnen misshandelt,
zwangssterilisiert und erniedrigend behandelt werden; dass behinderte
Frauen innerhalb und außerhalb von Behinderteneinrichtungen vergewaltigt
werden, dass Behinderte durch Barrieren im öffentlichen Nah-und
Fernverkehr diskriminiert werden und Vieles mehr.
Für mich war das Krüppel-Tribunal 1981 und unsere anderen
Proteste in diesem Jahr eine große Offenbarung. Ich hatte gerade mein
Jurastudium aufgenommen und als einzige offensichtlich Behinderte unter
300 Studierenden sehr schnell zu spüren bekommen, dass ich dort an der
Johann-Wolfgang-Goethe -Universität Frankfurt nicht vorgesehen war.
Professoren waren irritiert, Kommilitonen und Kommilitoninnen
verunsichert. Das Studium der Rechtswissenschaften war ein Kurs in
Diskriminierung aushalten und ich habe diesen Kurs bestanden, weil ich
mich bereits in einer Regelschule bewährt hatte. Ich wusste, wie man in
der Nichtbehindertenkultur überlebt.
Die Vorbereitungen für das Krüppel-Tribunal 1981 haben mich mit
Streitgenossen und –genossinnen der Krüppelszene zusammengebracht. Ich
traf Behinderte, die so wütend waren wie ich. Behinderte, die die Nase
voll hatten von der ewigen Anpassung an den Terror der Normalität;
Behinderte, die sich provokativ Krüppel nannten und die Rolle des
Musterkrüppelchens, das dankbar, lieb, doof und leicht zu verwalten ist,
ablehnten. Diese Zeit damals war eine wichtige Zeit der
Identitätsfindung, als politische Behinderte, als Feministin, als Linke.
Sie prägt mich und meine Identität auch heute noch, als über 50jährige
Professorin, die nicht mehr gegen die UNO sondern mit der UNO arbeitet
und die gewiss nicht mehr ganz so häufig schrille Töne von sich gibt.
Was ich aber schon damals in der Krüppelszene vermisst habe und
erst gefunden habe, als ich in der internationalen Behindertenbewegung
aktiv wurde, ist dass wir uns und unsere Arbeit zu wenig zelebriert
haben. Wir haben viel und auch oft erfolgreich protestiert, ## aber wir
haben zu wenig gefeiert. Umso erfreulicher ist es nun hier auf der
ersten Disability Mad& Pride Parade in Berlin zu stehen und mit euch
und Ihnen zu feiern.
Disability Pride Parades haben drei wunderbare Ziele:
1. Soll Behinderung neu und anders gedacht werden. Vom
medizinischen Modell von Behinderung, nachdem wir Behinderte vor allem
als medizinische Probleme, therapeutische Herausforderungen, leidende
Wesen und Rehabilitationsobjekte gelten, gilt Abschied zu nehmen.
Stattdessen wollen wir das Menschenrechtsmodell von Behinderung in den
Köpfen der Menschen verankern. Nach dem Menschenrechtsmodell von
Behinderung sind wir vor allem und zuerst Menschen, die eine
unantastbare Würde und unveräußerliche Menschenrechte haben. Erst die
Verweigerung dieser Menschenrechte macht unsere gesundheitlichen
Abweichungen zu einem Problem, macht uns zu ANDEREN zu den sogenannten
AUCH- Menschen. Erst die Verweigerung von Menschenrechten macht uns
Behinderte zu Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Es ist höchste Zeit,
die Verschleierung und Legitimierung von Menschenrechtsverletzungen an
Behinderten durch das medizinische Modell zu enttarnen.
Sondereinrichtungen für Behinderte sind keine Schonräume sondern
Apartheid. Mitleid mit Behinderten ist keine Tugend sondern
Dominanzverhalten. Zwangsbehandlung ist keine Therapie sondern
Traumatisierung.
2. Sollen Disability Pride Parades uns Behinderten helfen,
unsere eigenen Minderwertigkeitsgefühle zu verlieren. Indem wir uns auf
der Straße in einer Parade zeigen und gemeinsam tanzen, wollen wir
unsere verinnerlichte Scham über unser Anderssein, über unsere
Beeinträchtigungen, über unsere Schräg- und Verrücktheiten öffentlich
ablegen. Aus der Diskriminierungsforschung wissen wir, dass
Unterdrückung dort am besten funktioniert, wo die Unterdrückten die
Ideologie der Unterdrücker verinnerlicht haben. Diejenigen, die sich
selbst als minderwertig sehen, empfinden keine Verletzung, wenn ihre
Würde getreten wird. Diejenigen, die sich selbst als Problem sehen,
fordern keine Rechte ein, wenn sie verletzt werden. Diejenigen, die ihr
Anderssein als Schicksal bedauern, fügen sich in die Ungerechtigkeit.
Disability & Mad Pride brauchen wir Behinderten und
Verrückten tagtäglich, um der Wucht der Stigmatisierungen, der Gewalt
der Entwürdigung, der Heftigkeit der Diskriminierungen zu widerstehen.
Behindertenstolz brauchen wir ganz besonders in unserer deutschen
Kultur. Eine deutsche Kultur, die noch vor siebzig Jahren Menschen,
denen eine Behinderung zugeschrieben wurde, massenhaft und
industrialisiert zwangssterilisiert und ermordet hat. Aus der
Euthanasieforschung wissen wir – Götz Aly hat es jüngst erneut
publiziert- dass die Mehrheit der Bevölkerung und sogar die Mehrheit der
Familienangehörigen die T-4-Morde an Behinderten stillschweigend
gebilligt haben. Die Politik des Heilens oder Vernichtens wurde in
Deutschland nicht mit dem Nationalsozialismus beendet. Viele der
NS-Täter und Täterinnen konnten insbesondere in Westdeutschland in der
Medizin und in der Behindertenhilfe munter weitermachen. Eine klare
Zäsur hat es nie gegeben. Ich gehöre zu den sogenannten
Contergangeschädigten, die Anfang der 60er Jahre geboren wurden, gerade
einmal 15 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus. Warum von
den über 10.000 contergangeschädigten Neugeborenen nur ein Viertel
überlebte, wurde niemals genau erforscht. Die meisten von uns
Überlebenden hörten aber von unseren Eltern, dass ihnen damals direkt
nach der Geburt unsere Tötung als Lösung angeboten wurde. Wir leben in
einer deutschen Kultur, in der die Geburt eines behinderten Kindes immer
noch und schon wieder als Schande gilt. Es ist kaum verwunderlich, dass
die Mehrheit der Schwangeren in Deutschland sich selbstverständlich
für eine Abtreibung aufgrund einer möglichen Schädigung des Embryos
entscheidet. Es ist kaum verwunderlich, dass in Deutschland immer wieder
über Euthanasie als Rettung für die Menschenwürde von schwerbehinderten
Neugeborenen und dementen Alten diskutiert wird. Eine deutsche Kultur,
die auf Behinderung immer wieder nur als Antwort „Heilen oder
Vernichten“ kennt, hinterlässt Spuren in jedem und jeder einzelnen
Behinderten. Aber so wie wir gelernt haben, uns als minderwertig zu
fühlen und uns für unsere Andersartigkeit zu schämen, so können wir das
Erlernte auch wieder verlernen. Die Disability &Mad Pride Parade ist
eine großartige Gelegenheit dazu. Wir sind hier, weil wir stolz sind
auf uns und weil wir es wert sind, gesehen zu werden. Wir sind hier,
weil wir uns wertschätzen und den Respekt vor unserer Würde einfordern.
Wir sind hier, weil wir mutig sind und laut.
3. Das ist dann auch zugleich das dritte Ziel von Disability
Pride Parades. Disability Mad and Pride Parades sind dazu da unsere
Andersartigkeit zu zelebrieren. So wie es in Artikel 3 der
Behindertenrechtskonvention heißt, feiern wir uns heute als Teil der
menschlichen Vielfalt. Wir sind heute auch auf der Straße weil wir viel
zu bieten haben: wir sind behindert und verrückt, wir sind aber auch
lesbisch, bi oder straight, wir sind alt und jung, wir sind weiß oder
people of color, wir sind Migrant_innen und Nichteinwander_innen, wir
sind Frauen, Männer und Intersexuelle und Transgender, wir sind vor
allem hier und heute bunt und frech.
Es ist an der Zeit, dass wir uns feiern, es ist an der Zeit,
dass Behinderte auch in Deutschland es wagen frech und stolz zu sein,
dass wir unsere Andersartigkeit zelebrieren, Behinderung als Lebensstil
wertschätzen, den Respekt vor unserer Würde einfordern. Das sind unsere
Bedingungen für Inklusion, denn wir sind nicht mehr bereit, uns dem
Terror der Normalität zu beugen. Als Symbol für den Terror der
Normalität habe ich heute meinen Sohn Emil mitgebracht….. (Emil winkt,
…) der diesen mithilfe von ein wenig Holz und Pappe für uns darstellt.
(Emil zeigt Verkleidung & Brett…. Theresia tritt Brett durch.
1. Disability und Mad Pride Berlin - Rede von Theresia Degener - YouTube
Theresia
Degener ist Professorin für Recht und Disability Studies an der
Evangelischen Fachhochschule Rheinland Westfalen Lippe in Bochum.
Sie
studierte Rechtwissenschaften in Frankfurt am Main an der Johann
Wolfgang Goethe Universität, das sie 1986 mit dem Ersten Juristischen
Staatsexamen beendete. Ihren Master of Law (LL.M.) erhielt sie 1990 von
der University of California, Berkeley, USA. Sie promovierte 1992 im
Fachbereich Rechtswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe –
Universität. Das Assesorexamen legte sie 1993 im Land Hessen,
Landgerichtsbezirk Frankfurt a.M. ab.
Sie
lehrt an verschiedenen ausländischen Hochschulen zum Thema
internationale Menschenrechte u.a. 1999/2000 an der juristischen
Fakultät der University of California, Berkeley, USA und als
außerordentliche Professorin 2007 -2010 an der juristischen Fakultät der
University of Western Cape, (UWC) Kapstadt, Südafrika. Dort ist sie
Kuratoriumsmitglied im Center for Disability Law and Policy. Seit Juni
2008 ist sie Netzwerkmitglied im Harvard Law School Project on
Disability - Ihre Forschungsgebiete sind z. Zt. Behindertenrecht,
Antidiskriminierungsrecht und Internationale Menschenrechte, sowie
gender studies und disability studies.
2000-2001
war sie Mitglied der Enquetekommission des Bundestages “Recht und Ethik
der modernen Medizin”. 2002 – 2006 war sie Mitglied der deutschen
Delegation beim Ad Hoc Ausschuss der Vereinten Nationen zur Vorbereitung
einer Behindertenrechtskonvention.
2005 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Horst Köhler für ihre Verdienste in der Behindertenpolitik.
Am
1.September 2010 wurde sie zum Mitglied des Ausschusses der Vereinten
Nationen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen gewählt.
Sie ist Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Disability Studies in Deutschland.
Seit
1995 ist sie Selbstverteidigungstrainerin nach der Methode „Jede Frau
und jedes Mädchen kann sich wehren“ (Sunny Graff / Regina Speulta) )
Sie lebt mit ihrem Mann, Robert Kissel, und ihren beiden Söhnen Emil und Franz in der Nähe von Wuppertal. http://www.efh-bochum.de/homepages/degener/
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