Molekulare Gentests: ethisch bedenklich, öffentlich gefördert
26. August 2011, 01:39 Uhr
Prinzipienreiterei ist für Politiker, zumal für solche auf herausgehobenen Positionen, kein sonderlich attraktives Hobby. Pragmatisch regiert sichs nicht nur leichter, sondern vermutlich überhaupt nur, Allerdings darf man auch nicht zu beliebig wirken, erscheint man sonst doch leicht zu ersetzen. Nun ist das hier kein Blog, das „Politikberatung für Dummies“ anstrebt. Aber Bioethik wird auch für Politiker zunehmend zu einem Thema mit dem man sich profilieren kann. Annette Schavan die Forschungsministerin aus Süddeutschland hat das schon vor einiger Zeit erkannt. In der Debatte über Präimplantationsdiagnostik hat sie, mit guten Argumenten, deswegen lange Zeit für ein grundsätzliches Verbot geworben. Jetzt wurde bekannt, dass ausgerechnet das von ihr geleitete Forschungsministerium mit etwa 230.000 Euro ein Projekt zur „pränatalen Diagnostik genetischer Erkrankungen“ fördert. Das Geld erhielt die Konstanzer Firma GATC Biotech AG für die Entwicklung eines Schwangerschaftsfrühtest, der ermöglicht durch eine Untersuchung des von der werdenden Mutter entnommenen Bluts zu klären, ob das ungeborene Kind eine Trisomie 21, also das Down-Syndrom hat. Der Test soll durch die GATC Tochter Life Codexx AG spätestens im Frühjahr 2012 auf den deutschen Markt kommen. In einer
Pressemitteilung des Unternehmens heißt es stolz:
„Die Durchführung humangenetischer Diagnostiktests auf Basis neuester Sequenziertechnologien ist ein revolutionäres Konzept. Dadurch wird sich die Kosteneffizienz in der Diagnostik drastisch verbessern. Die LifeCodexx AG wird hier eine Vorreiterrolle übernehmen,‘ begeistert sich Peter Pohl, CEO der GATC Biotech AG und Aufsichtsratsvorsitzender der LifeCodexx AG.“
Tatsächlich hat der neue Test aus Sicht der Humangenetiker und Gynäkologen erhebliche Vorteile: Er kann´in einem frühen Stadium der Schwangerschaft (ab der 10. Woche) durchgeführt werden, er ist nach bislang vorgelegten Studienergebnissen sehr zuverlässig und kann so die Amniozentese, die invasive Fruchtwasseruntersuchung, die ein erhöhtes Fehlgeburtsrisiko mitsich bringtin erheblichem Umfang unnötig machen.
Im Ergebnis sinkt durch die Möglichkeit eine frühe und sehr risikoarme Testung durchführen zu können, die Hemmschwelle zur Durchführung entsprechender Untersuchungen erheblich. Damit wird gleichzeitig auch der Erwartungsdruck, die nunmehr gebotene Möglichkeit auchzu nutzen spürbar erhöht: Mag angesichts der Gefahr einer Fehlgeburt die Frau, die keine Amniozentese will, obwohl sie zu einer als Risikogruppe definierten Menge gehört, noch auf ein gewisses Verständnis stoßen, wird dieses beim Fehlen einer solchen Gefahr kaum noch anzunehmen sein –insbesondere, wenn angesichts belasteter Sozialversicherungskassen die ökonomischen Erwägungen an Bedeutung gewinnen oder die Bereitschaft zur guten Versorgung von Menschen mit angeborenen Behinderungen sinkt.
F.A.Z.-Community