Ein Netzwerk für pflegende Angehörige: Auch Pflegende brauchen Pflege
Über zwei Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig. Die meisten werden von Angehörigen zu Hause betreut. Eine Dauerbelastung, die oft an die Gesundheit geht. In Dortmund und Solingen läuft seit drei Jahren ein Modellprojekt, das das Wohl der Pflegenden im Blick hat.

- Angelika Zegelin
Das Konzept wird betreut von der Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin von der Universität Witten/Herdecke. Auftraggeber ist die Unfallkasse NRW. Drei Jahre hat Zegelin unter anderem mit Pflegediensten, Beratungsstellen, Arztpraxen, Apotheken, den Städten, Kirchen und Angehörigengruppen zusammengearbeitet. Entstanden ist ein engmaschiges Netz aus verschiedenen Hilfs- und Informationsmöglichkeiten.
WDR.de: Frau Zegelin, es gibt eine Vielzahl von Pflegeangeboten. Dieser Eindruck wird jedenfalls in der Öffentlichkeit erzeugt. Warum beschäftigen Sie sich besonders mit pflegenden Angehörigen?
Angelika Zegelin: Pflegende Angehörige sind schlecht dran. In Deutschland sind über zwei Millionen Menschen pflegebedürftig. Mehr als zwei Drittel davon werden zu Hause versorgt. Meistens von den Ehefrauen, Töchtern oder Schwiegertöchtern, die die Hauptlast alleine tragen. Häufig wissen sie gar nicht, welche Hilfen und finanziellen Leistungen ihnen zustehen. Zum Beispiel Verhinderungs- oder Kurzzeitpflege, wenn sie mal Urlaub ohne den Pflegebedürftigen machen wollen.
WDR.de: Inwiefern geht das an die Gesundheit?
Zegelin: Oft sind die Pflegenden nach einiger Zeit kränker als die zu versorgende Person, weil sie ihre Bedürfnisse nicht äußern, ihre Hobbys aufgeben und nicht mehr rausgehen. Sie leiden an Rückenbeschwerden, Depressionen oder haben häufig Infekte. Außerdem führt die Dauerbelastung zu Konflikten in der Familie.
WDR.de: Das klingt nach viel Arbeit. Wie kann Ihr Programm dabei helfen, die Situation zu verbessern?
Zegelin: Das Programm setzt an vielen unterschiedlichen Stellen an. Wir haben Gesprächskreise für Betroffene geschaffen. Im Bereich von Demenz gibt es zum Beispiel schon viele davon. Aber bisher hatten Angehörige, deren Eltern zum Beispiel durch einen Schlaganfall oder Parkinsonkrankheit pflegebedürftig geworden sind, kaum Anlaufstellen. Wir haben Gottesdienste geschaffen, die sich an Pflegende richten, eine sogenannte Notfallkarte, die dafür sorgt, dass Pflegende beispielsweise beim Arzt schneller behandelt werden. Und demnächst, das ist bundesweit einmalig, sollen Familienmoderatoren in Konfliktfällen beraten. Im Herbst geht die Unfallkasse NRW mit einem Internetportal für Pflegende ins Netz. Für das Weiterwirken nach Projektende haben wir einen Selbstbewertungskatalog "Gesundheitsschutz für pflegende Angehörige" für alle Anbieter erarbeitet.
WDR.de: Aber viele Informationen und einige Angebote für Pflegende gibt es ja bereits. Warum kommt das nicht bei den Betroffenen an?
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