19.05.2004 - 14:04
Unsere Stimme gegen Aussonderung ist gefragt.
Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul Kassel (kobinet) Die Frankfurter Behindertenarbeitsgemeinschaft (FBAG) hat mit ihrem gestrigen Beschluss, worin der Magistrat der Stadt Frankfurt aufgefordert wird, dafür Sorge zu tragen, dass keine behinderten Menschen gegen ihren Willen und aus Kostengründen in Heime oder heimähnliche Einrichtungen ausgesondert werden, klar Farbe bekannt. Damit und mit der Forderung nach einem Stopp des Ausbaus von Sondereinrichtungen hat sich die Frankfurter Behindertenvertretung eindeutig hinter die behinderten Menschen gestellt, die meist nicht im Rampenlicht stehen und die häufig sogar von den Behindertenverbänden vergessen werden. Sie sind nämlich meist auf einen höheren Unterstützungsbedarf angewiesen, können nicht so leicht für ihre Rechte kämpfen und sind somit der «Wohlfahrtsmafia» weitgehend schutzlos ausgeliefert und gerade in Einrichtungen höchst abhängig. Der FBAG gebührt also ein dreifaches BRAVO für diesen Beschluss. Denn erstens ist es immer noch viel zu selten, dass klar gegen das zum Teil immer noch mittelalterliche Einrichtungswesen in Deutschland Stellung bezogen wird, wo die behinderten Menschen immer noch zu der für sie nötigen Unterstützung kommen müssen, anstatt dass die Unterstützung dort erbracht wird, wo die Menschen leben. Dies hat eine Kasernierung und Aussonderung zur Folge, die niemandem dient und die isoliert. Zweitens fordert die FBAG mit diesem Beschluss die Stadt Frankfurt und damit die Politik und Verwaltung heraus, das Wunsch- und Wahlrecht behinderter Menschen endlich ernst zu nehmen und verstärkt Alternativen zu den bestehenden Einrichtungen - also im ambulanten Bereich - zu schaffen, anstatt mit dem Bau eines neuen Wohnheimes für junge Körperbehinderte wieder neue Mauern aufzubauen. Zudem wird damit auch endlich einmal Front dagegen gemacht, dass behinderte Menschen zunehmend aus Kostengründen in Sondereinrichtungen gezwängt werden, die mit der Lebensqualität im ambulanten Bereich meist nichts mehr zu tun haben. Ein politisches Umsteuern ist also längst überfällig, so dass zu hoffen ist, dass dieser Beschluss von den Fraktionen im Frankfurter Römer aufgegriffen und unterstützt wird. Und drittens trägt dieser Beschluss vielleicht dazu bei, dass sich die Behindertenbewegung, die Behindertenverbände und auch die allgemeine Bevölkerung von glamorösen Einweihungsfeiern, schönen Sonntagsreden, Sommerfesten, herzerwärmenden Spendenaktionen, gut inszenierten Tagen der offenen Tür oder ähnlichen Schönredereien der selbst ernannten «Wohltäter» nicht mehr länger blenden lassen. Andere Länder wie zum Beispiel Schweden haben es uns längst vorgemacht, dass es Alternativen zur Kasernierung behinderter Menschen gibt, wenn dies gewollt wird. Statt die Aussondereung zu propagieren und sogar noch zu finanzieren gilt es für die Integration vor Ort konsequent zu kämpfen. Nachdem es zunehmend gelingt, den Gleichstellungsgedanken in der Gesetzgebung und Bevölkerung zu verankern, muss der nächste Schritt darin bestehen, diesen Bürgerrechtsgedanken auch auf die gesamte Behindertenarbeit zu übertragen. Und dazu muss an vorderster Stelle die Auflösung und der Umbau der bestehenden Einrichtungen hin zu ambulanten und gemeindenahen Unterstützungsformen stehen. So lange keine Massenbewegung der Einrichtungsbetreiber und «Wohltäter» selbst einsetzt, dass sie zu ähnlichen Bedingungen, wie die derzeitigen BewohnerInnen von Behinderteneinrichtungen leben, dort einziehen wollen, gibt es keinen plausiblen Grund solche Systeme aufrecht zu erhalten, geschweige denn sogar noch auszubauen. Kein Cent mehr für die Aussonderung behinderter Menschen muss daher die Devise lauten. Dies muss nicht nur klar gesagt werden, sondern mit entsprechendem Druck auf die Politik und die Wohlfahrtskonzerne eingefordert werden. In Frankfurt wurde hierfür ein bescheidener Anfang gemacht, der hoffentlich aber eine Signalwirkung hat. omp
Unsere Stimme gegen Aussonderung ist gefragt -- kobinet