Gesundheit
Die Tricks der Pillendreher
Ein ehemaliger Pharmamanager verrät mehr über die Branche als ihr lieb ist - zum Beispiel, warum Krankheiten erfunden, aber nicht geheilt werden. Von Birgitta vom Lehm
Stabiler Umsatz auch in diesem Jahr: Tablettenproduktion.
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"Heute bin ich 64 Jahre alt und lebe in Deutschland, in Schwaben. Ich bin verheiratet und habe einen kleinen Sohn, der mir das Teuerste auf der Welt ist." Der Mann, der dies schreibt, besitzt einen Namen, der wie ein Medikament klingt: Virapen. John Virapen.
Seine Biographie ist rasch erzählt: Geboren in British-Guyana als Kind indischer Einwanderer, nach dem Medizinstudium in England und der Promotion in den USA als Außendienstmitarbeiter für verschiedene Pharmafirmen, von 1979 bis 1989 aber für Eli Lilly in Schweden tätig. Zehn Jahre lang arbeitete er dort als Geschäftsführer, offenbar mit beachtlichem Erfolg.
Bereits im ersten Jahr puschte Virapen nach eigenen Worten den Umsatz von 700.000 auf 15 Millionen US-Dollar. Ein intelligenter Macher-Typ, so scheint es, einer, der die Ärmel hochkrempelte und den Markt auf Zack brachte - der aber auch zu Methoden griff, die ihn inzwischen selbst anekeln. Dabei seien sie keineswegs singuläre Delikte gewesen, sondern in der Branche üblich, betont er.
In seinem selbst verlegten und leider etwas schlampig redigierten Buch plaudert der Aussteiger daher mehr aus, als der Branche lieb sein dürfte (John Virapen: Nebenwirkung Tod. Mazaruni Publishing, 16,90 Euro). Auch wenn solche Berichte natürlich mit Vorsicht zu genießen sind, weil eine gewisse Rache am Ex-Brötchengeber unvermeidbar scheint, so wirkt das Bild doch zutiefst authentisch, das Virapen hier von einer Welt zeichnet, die mit Heilen und Helfen nur noch wenig zu tun hat.
Im Vordergrund stehen Profit und Patente, neue Konsumentengruppen werden erfunden, um mit Blockbustern Geschäfte an eigentlich Gesunden zu machen. Virapen stellt keine bloßen Behauptungen in den Raum, er liefert auch detaillierte Nachweise.
Dass Depression zur Volkskrankheit mutiert ist, liege zum Beispiel daran, beschreibt Virapen, dass man das vor 50 Jahren von Psychiatern definierte Profil für Depression laufend "unschärfer" mache und "die Grenzen zwischen dem, was noch als gesund, und dem, was schon als krank gilt", aufweiche. "Man macht den Katalog einfach dicker - und erhält dadurch eine immer weiter steigende Anzahl von Menschen, die in diese Kategorie passen."
Gesundheit: Die Tricks der Pillendreher | Verbraucher - Frankfurter Rundschau