Schleswig-Holstein am Abgrund
"Auch Proteste gegen Sparmaßnahmen oder Landtagswahlen dürften am Kurs nichts ändern", findet Rechnungshof-Präsident Aloys Altmann. Foto: Dewanger
Das Verfahren ist ziemlich formlos und funktioniert prima. Jeden Monat überweist das Sozialministerium für Eingliederungshilfen behinderter Menschen Millionen-Beträge an die Kreise und kreisfreien Städte. Die reichen das Geld an Träger von Einrichtungen weiter. Im Regelfall sind das die Wohlfahrtsverbände.
Die Kosten für die Eingliederungshilfe sind regelrecht explodiert. 550 Millionen Euro waren es 2009 - knapp 200 Millionen mehr noch als zehn Jahre zuvor. Fast 60 Prozent der Ausgaben des Sozialministeriums für Zuweisungen und Zuschüsse fließen in diesen Bereich. Und die Kosten, schwant es Sozialpolitikern, sie werden weiter galoppieren.
Was passiert mit den Steuermillionen?
Allein: Was mit den Steuermillionen genau passiert, ob sie wirtschaftlich eingesetzt werden und ob wirklich korrekt abgerechnet werden - das liegt nach Darstellung des Landesrechnungshofs weitgehend im Dunklen. Den Prüfern von LRH-Präsident Aloys Altmann ist der Blick in die Akten verwehrt. Die Verbände weigern sich hartnäckig, ihre Bücher zu öffnen. Die Kreise, die prüfen könnten, gucken nicht hin. Statistisch betrachtet, hat Altmann frustriert hochgerechnet, müssten die Wohlfahrtsverbände deshalb nur alle 240 Jahre mit einer Prüfung rechnen.
So könne das nicht weitergehen, sagt der Präsident. Einen untragbaren Zustand nennt Altmann die prüfungsfreie Zone. Der Landtag müsse endlich ein Prüfrecht durchboxen. Das freilich fordert der Rechnungshof seit 1993 bereits - ohne Erfolg.
Landesrechnungshof : Schleswig-Holstein am Abgrund
An dieser Stelle soll jedoch weder mit Vermutungen noch Behauptungen hantiert, sondern nur die Warnung ausgesprochen werden, dass die für die Eingliederungshilfe aufgewendeten Mittel von 11 Mrd. EUR einen riesigen Markt darstellen, um den manch eine Branche glücklich wäre. Eine differenzierte Betrachtung der Aufwendungen ist deshalb von essentieller Bedeutung, wenn über Kosten und deren Steigerung in der Vergangenheit gesprochen wird."
Dr. Klaus Mück, Juli 2010
"Unser Sozialwesen reagiert bis heute auf Anlässe gesellschaftlichen Ausschlusses durch soziale Probleme, wie Behinderung, Alter oder Pflegebedürftigkeit nur selten durch Hilfen, die geeignet sind, den Ausschluss zu vermeiden oder zu überwinden, sondern meistens durch institutionellen Einschluss.
Dies stellt einen gigantischen Sozialhilfemissbrauch dar. Mittel der Eingliederungshilfe für Behinderte in zweistelliger Milliardenhöhe werden Jahr für Jahr zweckentfremdet um davon ihre Ausgliederung zu finanzieren, Hilfe zur Pflege verkommt – ebenfalls in Milliardenhöhe –zu einer Hilfe der Verwahrung –, und führt zum anderen dazu, dass immer mehr Menschen unter menschenunwürdigen, menschenrechtswidrigen, ja zum Teil lebensgefährlichen Zuständen leben oder genauer: dahinvegetieren müssen."
Ambulant oder stationär
Unterstützung behinderter Menschen im Rahmen der Eingliederungshilfe
Eckhard Rohrmann,Vortrag auf der Veranstaltung De-Institutionalisierung von Menschen mit Behinderungen – ein Schlüssel der Disability Studies am 15. April 2005 in Kassel