100 Jahre Psychiatrie: Von der Irrenanstalt zum Krankenhaus
Gießen (kw). Die Pfleger hießen »Aufseher«, ihre Patienten galten als unmündig. Sie mussten spezielle Anstaltskleidung tragen, ihr Tagesablauf war einem strengen Reglement unterworfen, etliche lebten über Jahrzehnte hinter den Mauern.
Die »Anstaltsküche« versorgte Hunderte und bot manchen Patienten auch Arbeitsplätze. (Fotos: Archiv)
Viel hat sich geändert, seit vor 100 Jahren an der Licher Straße die »Großherzogliche Landes-Heil- und Pflegeanstalt gegründet wurde. Nach etlichen Namensänderungen heißt der Jubilar heute Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und ist Teil des größten Fachkrankenhauses in Hessen.
Schon seit den 1830er Jahren war die Einrichtung einer »Irrenanstalt« für Oberhessen diskutiert worden. 1896 wurde die Psychiatrische Klinik an der Frankfurter Straße eröffnet, doch sie reichte nicht aus. Um die Ansiedlung der Landeseinrichtung konkurrierten Gießen und Grünberg. Schließlich setzte sich 1901 im Landtag die Provinzial-Hauptstadt durch. Ein Hauptgrund war, dass die Stadt für den Bau etwa 20 Hektar des Stadtwaldes an der Licher Straße zur Verfügung gestellt hatte, schildert Stadtarchivar Dr. Ludwig Brake in einem Aufsatz für das 2003 erschienene Buch »Psychiatrie in Gießen«.
1906 begannen die Bauarbeiten im »Pavillon-Baustil« mit Jugendstil-Elementen. Für das Ergebnis wurde ein klangvoller Name gesucht. »Waldhof« war im Gespräch, die Stadtverordneten sprachen sich 1907 für »Heilanstalt Waldheim bei Gießen« aus. Doch weniger Jahre später waren solche »Phantasiebezeichnungen« wieder aus der Mode gekommen. Eine schlichte »Hupla«, so die Kurzform für Heil- und Pflegeanstalt, wurde im September 1911 in Betrieb genommen. 300 bis 400 Patienten fanden dort Platz. Männer- und Frauenseite waren getrennt. Es gab Bereiche für »Wachbedürftige«, für »Pflegebedürftige« und für »Unruhige«. Patientinnen und Patienten, die dazu körperlich in der Lage waren, halfen in der Landwirtschaft mit oder arbeiteten in anderen Betrieben – etwa Küche, Wäscherei oder Maschinenhaus. Während des Ersten Weltkrieges diente die Anstalt als Reservelazarett zur Wiederherstellung der Kriegstauglichkeit traumatisierter Soldaten.
»Euthanasie«-Geschichte aufgearbeitet
In der Zeit des Nationalsozialismus wurden im Rahmen der »Eugenik- und Euthanasie-Programme« Zwangssterilisationen veranlasst und 263 Patienten nach Hadamar gebracht und dort getötet. Auf Erlass des Reichsinnenministers wurden außerdem aus ganz Mitteldeutschland jüdische Patienten »gesammelt«, die später in einer Tötungsanstalt in Brandenburg umgebracht wurden. Diese Phase ihrer Geschichte hat die Klinik umfassend aufgearbeitet. Seit 1998 ist dazu auf dem Gelände die Dauerausstellung »Vom Wert des Menschen« zu sehen.
Anfang der 1950er Jahre übernahm der Landeswohlfahrtsverband die Anstalt. Sie wurde umbenannt in »Psychiatrisches Krankenhaus« – die Abkürzung »PKH« wird im Volksmund auch heute noch häufig verwendet. In den späteren 1950er Jahren wurden erstmals Medikamente zur Behandlung eingesetzt.
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