„Behinderung sitzt im Kopf der Nichtbehinderten“
Das Expertengremium „Inklusion“ trat vergangene Woche zusammen. Im Mittelpunkt stand die optimale Förderung aller Schüler. Das geht auch alle Eltern an
Er ist der Mann, dem die schwierige Aufgabe zukommt, ein Gremium zu führen, das Empfehlungen zu einem sensiblen Thema erarbeiten soll: dem gemeinsamen Unterricht von Schülern mit und ohne Behinderung. Hans Geisler, der frühere Sozialminister, wurde dafür von Kultusminister Roland Wöller (CDU) berufen. Geisler weiß, dass es konträre Auffassungen geben wird.
Herr Geisler, Verschiedenartigkeit darf nicht ausgegrenzt werden. So könnte die UN-Behindertenrechtskonvention übersetzt werden. Wie ausgeprägt ist dafür die gesellschaftliche Akzeptanz?
Verschiedenheit bereichert uns und darf schon deshalb nicht zu Ausgrenzung führen. Ich wage zu behaupten, dass das Anliegen aber nicht einmal von der Hälfte der Gesellschaft überhaupt wahrgenommen und als Aufgabe gesehen wird. Es hat freilich in den letzten Jahren spürbare Verbesserungen gegeben und ich bin dankbar, daran mitgearbeitet zu haben. Behinderung sitzt aber im Kopf Nichtbehinderter, und Veränderung wird es nicht auf Knopfdruck geben. Die UN-Behindertenrechtskonvention ist ein sehr starkes Element des Anstoßes und ich habe die Hoffnung und Erwartung, dass wir einen breiteren Teil der Bevölkerung hier mitnehmen können und einen deutlichen Fortschritt hinbekommen. Allerdings dürfen wir die Konvention auch nicht verkürzen: Sie besagt, dass jedes Kind die Chance bekommen muss, seine Potenziale seinen Fähigkeiten entsprechend auszuschöpfen für eine umfassende Teilhabe am beruflichen und gesellschaftlichen Leben. Dafür will ich mich gern einsetzen.
Stehen Sie deshalb dem Expertengremium vor? Haben Sie sich darum beworben?
Ich bin gefragt worden und habe nach einem Gespräch mit dem Kultusminister zugesagt. Das Thema lag mir schon am Herzen, ehe ich in politische Funktionen kam. Da war die gehbehinderte 40-jährige Frau, die im dritten Stock wohnte und die wir hinuntertrugen, damit sie am Leben teilnehmen konnte. Oder die Frau, die buchstäblich das letzte Opfer der Kinderlähmung war, ehe in der DDR 1953 die Pflichtimpfung kam. Für ihren Rollstuhl und damit ihr Fortkommen besorgte ich schon mal über Westverwandtschaft die Batterien. Das Anliegen ist mir wirklich nahe.
Was ist Ihnen besonders wichtig bei der Behandlung dieses sensiblen Themas?
Es muss immer um Hilfe zur Selbsthilfe gehen. Zu oft erlebe ich eine Mitleids- und Fürsorgehaltung. Dies ist falsch. Und wenn ich merke, dass es den Helfenden überwiegend um die Verteidigung ihrer Arbeitsplätze geht, müssen sie mit meinem scharfen Widerstand rechnen. Wichtig ist, kritisch zu fragen, was für den Betroffenen, dessen Teilhabe an der Gesellschaft gefördert werden soll, das Beste ist. Wenn wir nun zur Bildung zurückkommen, meine ich, die Stärkung der sozialen Kompetenz der Regelschüler kann nur das Zweitwichtigste sein. Das Wichtigste ist das Wohl und die optimale Förderung der Behinderten.
Soll das heißen, Integration bzw. Inklusion nicht um jeden Preis?Sächsische Zeitung [online] - Sachsen: „Behinderung sitzt im Kopf der Nichtbehinderten“
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