2011-04-03

Neue Wege in der Pflege: Alte Menschen von ihren Fesseln befreien - Menden - DerWesten

Neue Wege in der Pflege Alte Menschen von ihren Fesseln befreien

Menden, 01.04.2011, Thekla Hanke
Menden. In Alten- und Pflegeheimen gehört das Fixieren von desorientierten Menschen oftmals zum Alltag. Marie-Ellen Krause, Beate Wirth und Jörg Löwner von der Betreuungsstelle des Märkischen Kreises in Menden wollen das ändern und neue Wege beschreiten. Unter dem Namen „Märkischer FeLs“ starten sie am 5. April eine Kampagne mit dem Ziel, auf Fixierung möglichst zu verzichten. Dafür bringen sie alle an der Entscheidung Beteiligten an einen Tisch und zeigen Alternativen auf.
Die Vorstellung, selbst im Bett zu liegen und sich nicht mehr bewegen zu können, ist für Marie-Ellen Krause „das Schlimmste“. Das Bettgitter soll den alten Menschen vor Verletzungen bewahren, der Bauchgurt Stürze verhindern. „Für den Betroffenen aber ist diese Situation entwürdigend“, sagt die Mendenerin. Ihr Kollege Jörg Löwner formuliert es drastisch: Im Extremfall sei der alte Mensch auf zwei Quadratmetern eingesperrt. Zudem seien die Folgen einer längeren Fixierung massiv: „Verstärkter Muskelabbau, typische Durchliegestellen und massivste Herz-Kreislaufstörungen“, zählt Löwner auf. Es gebe genug Beispiele, dass sich Menschen an diesen fixierenden Hilfsmitteln auch verletzt haben, erklärt Marie-Ellen Krause. Auch Todesfälle habe bereits gegeben.
Die Zahl der Anträge auf freiheitsentziehende Maßnahmen hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Auch eine Folge des demografischen Wandels: Die Zahl der alten Menschen wächst, die Lebenserwartung steigt. Am Amtsgericht Menden, das für die Städte Menden und Balve zuständig ist, wurden im vergangenen Jahr 64 solcher Anträge gestellt. Denn ohne richterliche Absicherung darf keine Einrichtung diese Maßnahmen anwenden.(...)
 „Es geht dabei um die Rechtssicherheit des Pflegepersonals“, erklärt Löwner. Immer noch werde vielfach von Seiten der Krankenkassen, aber auch der Angehörigen die Meinung vertreten, dass es unverantwortlich sei, den alten Menschen eben nicht zu fixieren. ­Letztendlich gehe es hier eben vor allem um die Frage, wer verantwortlich ist, falls dem Betreuten etwas passieren sollte. „Pflegekräfte können im Grunde im Moment nicht anders“, weiß Beate Wirth um die Angst des Personals, haftbar gemacht zu werden. Und aus dieser Angst heraus würde häufig eine freiheitsentziehende Maßnahme befürwortet – obwohl Alternativen bekannt seien. Dem Urteil des Fachpersonals schlössen sich die anderen Entscheidungsträger – Richter, Angehörige bzw. Betreuer und meist ein Jurist als Verfahrenspfleger – in den meisten Fällen an, erläutert Jörg Löwner.
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