2011-03-05

ForseA - Rezensionen

Die Anklageschrift - Erkundungsfahrt durch den Pflegenotstand: Claus Fussek und Gottlob Schober schlagen AlarmBuchdeckel "Im Netz der Pflegemafia"

Eine Kommentierung des neuesten Buches

Im Netz der Pflegemafia

Wie mit menschenunwürdiger Pflege Geschäfte gemacht werden

von Claus Fussek und Gottlob Schober
erschienen im Tagesspiegel vom 11. März 2008
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Wolfgang Prosinger
Die Regale reichen bis zur Decke. Sie sind rechts und links, sie sind hinten und vorne. Aktenordner stehen darin, stapeln sich kreuz und quer. Aktenordner voller Katastrophen. Sie tragen Aufschriften wie "Missstände 2001", "Missstände 2002", "Missstände 2004".
Es ist das Münchner Büro von Claus Fussek, dem bekanntesten und scharfzüngigsten Kritiker des deutschen Pflegesystems. In den Ordnern sammelt er, was ihm bekannt wird über Notstände in Heimen und bei ambulanten Diensten. Und ihm wird viel bekannt. Denn Fussek ist mittlerweile eine Institution. Angehörige von Pflegebedürftigen wenden sich an ihn, aber in erster Linie Mitarbeiter von Einrichtungen selbst, die – oft anonym, weil sie um ihren Arbeitsplatz fürchten – berichten, was sie erlebt haben.
Vor drei Jahren hat Fussek einmal tief hineingegriffen in seine Aktensammlung und zusammen mit dem Journalisten Sven Loerzer daraus ein Buch gemacht, das zum Standardwerk der Pflegekritik wurde: "Alt und abgeschoben". Die Akten sind seither weiter angeschwollen, schneller noch als zuvor – weshalb Fussek nun ein neues Buch vorgelegt hat. "Im Netz der Pflegemafia" heißt es etwas reißerisch. Sein Co-Autor ist der Fernsehjournalist Gottlob Schober, auch er ein durch seine Reportagen ausgewiesener Experte in Sachen Pflege. Fast 400 Seiten sind es diesmal geworden. Es ist ein Horrortrip.
Was hier aufgezählt wird an Pflegemissständen, an Verwahrlosungen, an Lieblosigkeiten, an Erniedrigungen, an Gewaltakten, an Körper- und Menschenrechtsverletzungen ist eine harte Lektüre. Besonders beeindruckend sind jene Passagen, in denen Menschen, die in Pflegeeinrichtungen arbeiten, aus ihrer eigenen Anschauung erzählen. So etwa der erschütternde Bericht eines ehemaligen Heimleiters: Wie am Essen und am Personal gespart wird, wie Dokumente gefälscht, wie Alte mit Psychopharmaka ruhig gestellt werden. Oder das unglaubliche Protokoll, das eine Pflegerin für eine Nachtschicht erstellt hat, in der sie ganz allein für 72 Heimbewohner zuständig war. Jede Minute ist verplant, die ganze Nacht ist ein atemloses, irrwitziges Hasten von Bett zu Bett, von einer schrecklichen Situation zur nächsten. Und diese Nacht war keineswegs eine Ausnahme, sondern ein Normalfall....


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