2011-08-20

19.08.2011: »Zustände kaum noch zu verantworten« (Tageszeitung junge Welt)

19.08.2011 / Inland / Seite 2Inhalt

»Zustände kaum noch zu verantworten«

Alltag in Krankenhäusern: Wie Streichungen von Pflegestellen Patienten gefährden. Ein Gespräch mit Prof. Michael Isfort

Interview: Gitta Düperthal
Prof. Michael Isfort ist Abteilungsleiter am Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. in Köln und untersucht seit zehn Jahren die Pflegequalität in hiesigen Kliniken
Sie untersuchen die Pflegequalität in deutschen Krankenhäusern und befragen Pflegekräfte über ihren Arbeitsalltag. Sind die Patienten durch Personalmangel gefährdet?

Die Situation ist problematisch. In den zurückliegenden Jahren gab es einen erheblichen Abbau von Pflegekräften – das geht zu Lasten der Qualität. In den vergangenen 15 Jahren wurden fast 15 Prozent des Personals eingespart. Jede siebte Pflegekraft fehlt. Zugleich gilt es, über eine Million mehr Menschen in Krankenhäusern zu versorgen. Im gleichen Zeitraum hat man 25 Prozent mehr Ärzte eingestellt. Das war zwar sinnvoll und nötig, weil deren Arbeitsbedingungen europäischen Standards angepaßt werden mußten. Trotzdem entstand eine Schieflage. Immer weniger Pflegepersonal muß immer mehr Aufgaben übernehmen. Es gibt mehr ärztliche Anordnungen als zuvor, mehr Diagnostik und Therapie. Der Mangel an Pflegekräften wirkt sich mitunter so aus: Eine Patientin klingelt, es kommt aber erst mal niemand; die Pfleger sind woanders beschäftigt. Ein Patient wurde auf die Toilette begleitet, muß aber dort lange sitzen, weil ihm niemand zurück ins Bett helfen kann. Pflegekräfte berichten, daß sie nach einer Operation Patienten nur unzureichend helfen können, wieder auf die Beine zu kommen. Bei der Körperpflege müssen sie Unterstützungsleistungen reduzieren.
Welche Folgen kann all das im Ernstfall für die Patienten haben?

Erhebliche Beeinträchtigungen sind nicht auszuschließen: Sie können an Ernährungsmangel leiden, weil ihnen keiner ausdauernd beim Essen helfen kann. Sie müssen Krankheitsfolgen ertragen, weil sie nach einer Operation nicht ausreichend trainiert werden können und wund-gelegen sind.
Wie stark ist die Situation eskaliert?

Die Folgen unterscheiden sich in den Krankenhäusern und auf einzelnen Stationen. Mancherorts gibt es noch gut besetzte Stationen; anderswo sind die Zustände kaum noch zu verantworten. Das hat sich schleichend entwickelt. Die derzeitige Situation hat mich, als gelernten Krankenpfleger, selbst sehr schockiert. Die Kliniken haben sich zu sehr der medizinischen Situation zugewendet; die Pflege wurde darüber vernachlässigt. Durch Ärzte wird das Geld in den Krankenhäusern verdient. Es geht um das Prinzip der Wirtschaftlichkeit: Man ist bemüht, möglichst viele Patienten zu behandeln, um möglichst viel abzurechnen. Wie reagieren die Verantwortlichen, wenn Sie sie mit Ihren Forschungsergebnissen konfrontieren?
19.08.2011: »Zustände kaum noch zu verantworten« (Tageszeitung junge Welt)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...