2011-08-29

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Polizei erschießt “geistig verwirrte” Andrea H.


Am Mittwoch, 31. August findet um 19:00 eine Kundgebung vor dem Haus der Ermordeten statt.

Ort: Senftenberger Ring 66, Märkisches Viertel, Berlin-Reinickendorf

Die Zeiten werden rauher. Sind Psychiatriebetroffene zukünftig nicht mehr sicher, ob sie vielleicht von der Polizei erschossen werden?
So geschehen am 24.August 2011 in Berlin-Reinickendorf.
Wie ist der Tathergang?
Die 53 jährige Andrea H. wohnte mit anderen in einer betreuten Wohngemeinschaft in einem eigenen Zimmer im achten Stock eines 14-Geschossers am Senftenberger Ring im Märkischen Viertel. Am Mittwoch um 14 Uhr klingelten bei ihr Mitarbeiter des Bezirksamtes und zwei Polizisten, eine Funkwagenbesatzung, die die Frau in Amtshilfe für das Bezirksamt einem Weddinger Amtsgericht vorführen sollte. H. war mehrere Male nicht zur Anhörung erschienen. Der sozialpsychiatrische Dienst hatte die Polizei geschickt. Das Ziel war, sie in eine psychiatrische Klinik einzuweisen. Die Frau schloss sich zunächst in ihr Zimmer ein. Die Polizisten unterhielten sich mit ihr durch die geschlossene Tür. Plötzlich öffnete Andrea H. die Tür, fuchtelte wild mit einem Messer herum und verletzte einen der Polizisten am linken Unterarm. Die Streife besprühte sie mit Pfefferspray. Andrea H. flüchtete wieder in ihr Zimmer und verschloss die Tür. Wegen des Pfeffersprays riefen die Polizisten die Feuerwehr und forderten, “wie vorgeschrieben” vom Polizeipräsidium Unterstützung an. Jetzt rückten noch Polizisten der 23. Einsatzhundertschaft und der Direktionshundertschaft an, insgesamt 20 Polizisten, so die Berliner Zeitung. Justizsprecher Steltner wollte dies gegenüber taz nicht bestätigen. Seines Wissens hätten sich in dem Flur vor dem Zimmer der Frau vier Beamte befunden. “Die Räumlichkeiten waren sehr eng”. Sie wollten die Tür mit einer Ramme aufbrechen. Als die Frau nun ihr Zimmer verließ und geduckt mit einem Messer auf einen Polizisten zurannte, feuerte der Zugführer der 23. Einsatzhundertschaft auf die Frau. “Der Beamte trug ein Schutzschild, aber keinen Helm”, so Steltner. Der Abstand zwischen Messer und Kopf habe zirka 50 Zentimeter betragen, als der Schuss gefallen sei. Die Frau sei also in ihrem Vorhaben gebremst worden. Andrea H. wurde laut Steltner in den Oberkörper getroffen. Die Kugel durchschlug die Leber. Andrea H. wurde schwer verletzt und starb trotz des Einsatzes von Rettungskräften noch in ihrer Wohnung. Die Frau verblutete innerlich. Sie war zuvor noch nicht polizeilich aufgefallen.
Aus Sicht der Polizei und Justiz
Der Polizist hätte aus Nothilfe gehandelt, weil er seinen Kollegen schützen wollte. Er sei ein erfahrener Polizist und geübt im Schusswaffengebrauch. Bodo Pfalzgraf, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft sagt: “Wer mit einem Messer Polizisten angreift, muss damit rechnen, erschossen zu werden. Allein die Tatsache, dass es eine geistig verwirrte Person war, rechtfertigt nicht, daß sich der Polizist hätte erstechen lassen müssen.” Gegen den Polizisten wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts eines Tötungsdeliktes eingeleitet. “Es wird wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis die Staatsanwaltschaft zu einer Entscheidung über die Frage der Notwehr gekommen ist, wir ermitteln da besonders sorgfältig”, sagte die Justizsprecherin weiter. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Martin Steltner sagte am 26.8.: “Nach dem Stand der Ermittlungen kann man vorsichtig sagen, dass der Schuss aus einer Nothilfesituation heraus abgegeben wurde.”
Die Reaktion der Politik
Der grüne Innenexperte Benedikt Lux kündigte an, den Fall am 29.8. im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses zur Sprache zu bringen. “Es besteht Aufklärungsbedarf”, kommentierte der grüne Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wieland den Vorgang. Die eingesetzten Beamten der EHU hätten gewusst, dass die Frau ein Messer hatte. Somit seien sie nicht unvorbereitet gewesen. Geklärt werde müsse auch, warum der Schütze nicht auf die Arme oder Beine gezielt habe, um die Frau kampfunfähig zu machen. Wielands Fazit: “Man muss sagen, der Einsatz ist gründlich daneben gegangen”.
Aus Sicht der Anwohner
Sie können sich nicht vorstellen, dass die Polizisten nicht andere Möglichkeiten gehabt hätten, die Frau auch anders zu überwältigen. Andrea H. war 1,60 groß und wog 40 Kilo. Ein Bewohner sagt, sie sei eine “liebe und freundliche” Person gewesen.
Aus Betroffenenperspektive
Bisher ist über Andrea H. so gut wie nichts bekannt. Sie wird als geistig Verwirrte beschrieben, die in einer betreuten Wohngemeinschaft lebte. Ich möchte nicht spekulieren, aber für mich ergibt sich das Bild einer Psychotikerin, die in dieser Situation unglaubliche Ängste ausgestanden hat. Wer selbst schon Psychosen erlebt hat, weiß wie man dahin kommt, mit Messern herumzufuchteln. Es ist die Angst. Paranoia ist ein Zustand, bei dem man unter Verfolgungs- und Größenwahn leidet, begleitet wird dieser Zustand von Halluzinationen. Man hat Angst vor den Menschen in der Umgebung, weil man das Gefühl hat, sie beobachten, verfolgen einen und wollen dich schließlich umbringen. Mit dem Messer in der Hand will sich der Betroffene schützen. Dazu kommen vielleicht auch noch Stimmen, die man hört. Was für eine panische Angst muß Andrea H. erst ausgestanden haben, als dieses massive Polizeiaufgebot anrückte. Auch wenn Andrea H. nicht psychotisch gewesen sein mag, jedenfalls fühlte sie sich in die Enge getrieben. Ihre Lebenssituation wird bisher in den Medien überhaupt nicht thematisiert.
Reinhard Wojke von der Berliner Organisation Psychiatrie-Erfahrener sagte dazu: “Immer wieder eskalieren Situationen, wenn psychisch Kranke durch den sozialpsychiatrischen Dienst eingewiesen werden sollen. Diese Menschen befinden sich dann in einem Ausnahmezustand und es wäre besser, deeskalierend vorzugehen.” Nicht die Bezirksämter, sondern die Krisendienste sollten in diesen Fällen hinzugezogen werden, dort seien die Mitarbeiter besser ausgebildet. Die antipsychiatrische Szene würde sich allerdings ganz gegen Zwangseinweisungen wehren, aus dieser Ecke ist allerdings bisher nichts zu vernehmen.

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