Gewalt gegen alte Menschen - Bonner Initiative fordert bessere Vorbeugung
Von Delphine SachsenröderBonn. Die Nachbarn hatten angerufen. Fast jeden Abend hörten sie Schreie aus der Wohnung, wo der ältere Herr seine an Alzheimer erkrankte Frau versorgte. Ein anderes Mal meldete sich eine Pflegerin, in Tränen aufgelöst. Ihr sei die Hand ausgerutscht. Seit Jahren arbeite sie im Altersheim. Wie ihr so etwas passieren konnte?

Täter oder Opfer? Nicht selten kommt es nach Ansicht von Fachleuten bei der Pflege vor allem dementer älterer Menschen zu Aggressionen, die sich gegenseitig verstärken. Foto: dpa"Die Frau war untröstlich", erinnert sich Marita Halfen. Die 65-jährige Bonnerin kennt viele solcher Geschichten und die Schicksale, die dahinter stehen. Halfen sitzt am Notruf-Telefon der Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter "Handeln statt Misshandeln (HsM)".
Die von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragene Bonner Organisation ist eine von bundesweit wenigen Stellen, bei denen sowohl Opfer als auch Täter bei Gewalt gegen alte Menschen Hilfe finden. "Das Thema ist immer noch ein Tabu", sagt Professor Rolf Dieter Hirsch, Chefarzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie der Bonner LVR Klinik und Mitbegründer der Initiative HsM.
Dabei geht es um mehr als Einzelfälle. Experten vermuten bei Gewalt gegen ältere Menschen eine besonders hohe Dunkelziffer. "Die Kriminalstatistik kann dazu kaum eine Auskunft geben" sagt Thomas Görgen, Professor an der Hochschule der Polizei in Münster. "Vor allem sehr alte oder demente Menschen sind meist nicht in der Lage, Anzeige zu erstatten." Sei seien jedoch besonders gefährdet, da sie sich nicht mehr wehren können.
Der Bonner Professor Hirsch schätzt, dass jeder zweite Demenzkranke Gewalt erfahren hat. Zwischen fünf und zehn Prozent der Über-60-Jährigen, die nicht in Heimen leben, würden Opfer, meint der Experte.
Marita Halfen hat vieles gesehen. Alte Frauen mit Platzwunden im Gesicht. Wohlhabende Senioren, denen gerissene Betreuer das Vermögen entziehen. Nachbarn, die eine missliebige Mitbewohnerin über eine Entmündigung aus dem Mietshaus mobben wollen.
Doch für sie beginnt Gewalt schon viel früher. Zum Beispiel im Doppelzimmer des Altersheims. "Wer möchte schon den Rest seines Lebens mit einem völlig fremden Menschen verbringen?", fragt Halfen. Alte Menschen leiden unter der Missachtung ihrer Privatsphäre. "Etwa wenn der Pfleger im Heim beim Toilettengang des Bewohners die Tür offen stehen lässt", sagt Halfen. Sie spricht von "Gewalt durch Unterlassung", wenn bettlägerige Menschen zu wenig zu Essen und Trinken bekommen.
Im schlimmsten Fall endet Gewalt mit dem Tod. Vor fünf Jahren geriet ein Altenheim in Wachtberg-Berkum bundesweit in die Schlagzeilen. Dort hatte eine Pflegerin mehrere Bewohner erstickt. Nur duch Zufall wurden die Morde als solche erkannt.
Nicht selten ist der Tod für alte Menschen ein selbstgewählter letzter Ausweg. Jede zweite Selbsttötung in Deutschland werde von Über-60-Jährigen begangen, sagt der Bonner Professor Hirsch. Besonders gefährdet seien 80- bis 90-jährige Männer. Ursache seien oft unerkannte Depressionen. "Die werden bei alten Leuten deutlich seltener therapiert und Medikamente in falscher Dosierung verabreicht", sagt Hirsch. "Das ist eine Schande für die Gesellschaft."
Besonders kritisch sieht der Experte, dass in vielen Altersheimen unruhige Bewohner an Bett oder Stuhl gefesselt, im Fachjargon "fixiert" werden. Diese Praxis soll vor Stürzen schützen. "Viele alte Menschen haben Kriegserfahrungen", so Hirsch. "Für sie sind mit Fesseln oft schlimme Erinnerungen verbunden."
Zu den wenigen Seniorenheimen, die Fesseln aus ihrem Alltag verbannt haben, gehört das Bonner Haus Rosental. Als "massive Einschränkung des persönlichen Lebens" sieht Pflegedienstleiterin Evelyn Doelfs die Fixierung. "Es muss auch anders gehen", habe man sich in der vom evangelischen Christophoruswerk getragenen Einrichtung vor einigen Jahren gedacht. Und es geht bis heute. Zum Teil mit bemerkenswert einfachen Mitteln.
Um gefährliche Stürze zu vermeiden, schlafen unruhige alte Menschen in sogenannten Niedrigbetten knapp über dem Fußboden. Vor dem Bett fängt eine Matratze einen Fall auf. Dazu kommen Stoppersocken, eine Art Schutzgürtel gegen Oberschenkelhalsbruch und Gymnastik zum Muskelaufbau.
"In der Altenpflege findet langsam ein Umdenken statt", sagt Hirsch. In der Medizin vermisst er diesen Prozess noch. "Gerade die Hausärzte könnten wirklich etwas bewegen, aber sie trauen sich nicht, verstecken sich hinter ihrer Schweigepflicht und wissen oft nicht, was sie tun sollen", sagt der Psychiater.
Marita Halfen kritisiert den Umgang mit alten Menschen in Krankenhäusern. "Die meisten Patienten bekommen ohne medizinische Notwendigkeit einen Blasenkatheter gelegt, weil keiner Zeit hat, sie zur Toilette zu begleiten", sagt sie.
Doch die Gefahr droht nicht nur von Fremden. Manchmal sind es die eigenen Töchter, Söhne, Ehemänner oder -frauen, die zum Täter werden. Überforderung sieht Halfen gerade in der häuslichen Pflege als Auslöser für Gewalt. "Speziell für Frauen ist es gesellschaftlich nicht akzeptiert, die Eltern ins Heim zu geben", sagt sie.
"Sie hat die Mutter abgeschoben", heiße es dann in der Nachbarschaft. Sie empfiehlt Angehörigen, sich ehrlich zu fragen, ob sie der Belastung der Pflege gewachsen sind. "Darüber sind schon etlichen Ehen zu Bruch gegangen", sagt Halfen. Wer sich überfordert fühle, müsse früh genug Hilfe holen.
Wenn die Situation erst einmal außer Kontrolle gerät, komme es oft zu einer regelrechten Spirale der Gewalt. Dabei verschwimmen leicht die Grenzen zwischen Täter und Opfer, hat die ehrenamtliche Helferin beobachtet. Der Krieg beginnt mit Worten, dann kommen die ersten Handgreiflichkeiten. Etwa jedes dritte ältere Gewaltopfer übe selber Gewalt gegen den Pflegenden aus, sagt Hirsch.
Um das Verhaltensmuster zu durchbrechen, setzen Experten vor allem auf Vorbeugung. Alten Menschen empfiehlt die Initiative HsM, sich frühzeitig auf eine mögliche Pflegebedürftigkeit vorzubereiten. "Demenz entsteht auch durch Einsamkeit", sagt Halfen. Senioren sollten soziale Kontakte pflegen, sich aber auch frühzeitig um rechtliche Absicherungen wie eine Vorsorgevollmacht bemühen, die regelt, wer sich bei Demenz um ihre Belange kümmert.
Den oft bemühten Geldmangel als Ursache für Missstände in der Pflege lassen Halfen und Hirsch nicht gelten. "Wichtig ist, dass die Leute sich trauen, sich zu beschweren", fordert Hirsch. "Es geht um das Menschenbild in unserer Gesellschaft, das sich ändern muss."
Altersdiskriminierung zeige sich schon in der Sprache: "Alterslawine, Vergreisung, Demografie-Falle - diese scheinbar harmlosen Wörter sind eigentlich kleine Grausamkeiten", sagt der 65-jährige Mediziner.
Artikel vom 18.08.2011 Bild 1 von 2
Täter oder Opfer? Nicht selten kommt es nach Ansicht von Fachleuten bei der Pflege vor allem dementer älterer Menschen zu Aggressionen, die sich gegenseitig verstärken. Foto: dpa
Die von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragene Bonner Organisation ist eine von bundesweit wenigen Stellen, bei denen sowohl Opfer als auch Täter bei Gewalt gegen alte Menschen Hilfe finden. "Das Thema ist immer noch ein Tabu", sagt Professor Rolf Dieter Hirsch, Chefarzt der Abteilung für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie der Bonner LVR Klinik und Mitbegründer der Initiative HsM.
Dabei geht es um mehr als Einzelfälle. Experten vermuten bei Gewalt gegen ältere Menschen eine besonders hohe Dunkelziffer. "Die Kriminalstatistik kann dazu kaum eine Auskunft geben" sagt Thomas Görgen, Professor an der Hochschule der Polizei in Münster. "Vor allem sehr alte oder demente Menschen sind meist nicht in der Lage, Anzeige zu erstatten." Sei seien jedoch besonders gefährdet, da sie sich nicht mehr wehren können.
Der Bonner Professor Hirsch schätzt, dass jeder zweite Demenzkranke Gewalt erfahren hat. Zwischen fünf und zehn Prozent der Über-60-Jährigen, die nicht in Heimen leben, würden Opfer, meint der Experte.
Marita Halfen hat vieles gesehen. Alte Frauen mit Platzwunden im Gesicht. Wohlhabende Senioren, denen gerissene Betreuer das Vermögen entziehen. Nachbarn, die eine missliebige Mitbewohnerin über eine Entmündigung aus dem Mietshaus mobben wollen.
Doch für sie beginnt Gewalt schon viel früher. Zum Beispiel im Doppelzimmer des Altersheims. "Wer möchte schon den Rest seines Lebens mit einem völlig fremden Menschen verbringen?", fragt Halfen. Alte Menschen leiden unter der Missachtung ihrer Privatsphäre. "Etwa wenn der Pfleger im Heim beim Toilettengang des Bewohners die Tür offen stehen lässt", sagt Halfen. Sie spricht von "Gewalt durch Unterlassung", wenn bettlägerige Menschen zu wenig zu Essen und Trinken bekommen.
Im schlimmsten Fall endet Gewalt mit dem Tod. Vor fünf Jahren geriet ein Altenheim in Wachtberg-Berkum bundesweit in die Schlagzeilen. Dort hatte eine Pflegerin mehrere Bewohner erstickt. Nur duch Zufall wurden die Morde als solche erkannt.
Nicht selten ist der Tod für alte Menschen ein selbstgewählter letzter Ausweg. Jede zweite Selbsttötung in Deutschland werde von Über-60-Jährigen begangen, sagt der Bonner Professor Hirsch. Besonders gefährdet seien 80- bis 90-jährige Männer. Ursache seien oft unerkannte Depressionen. "Die werden bei alten Leuten deutlich seltener therapiert und Medikamente in falscher Dosierung verabreicht", sagt Hirsch. "Das ist eine Schande für die Gesellschaft."
Besonders kritisch sieht der Experte, dass in vielen Altersheimen unruhige Bewohner an Bett oder Stuhl gefesselt, im Fachjargon "fixiert" werden. Diese Praxis soll vor Stürzen schützen. "Viele alte Menschen haben Kriegserfahrungen", so Hirsch. "Für sie sind mit Fesseln oft schlimme Erinnerungen verbunden."
Zu den wenigen Seniorenheimen, die Fesseln aus ihrem Alltag verbannt haben, gehört das Bonner Haus Rosental. Als "massive Einschränkung des persönlichen Lebens" sieht Pflegedienstleiterin Evelyn Doelfs die Fixierung. "Es muss auch anders gehen", habe man sich in der vom evangelischen Christophoruswerk getragenen Einrichtung vor einigen Jahren gedacht. Und es geht bis heute. Zum Teil mit bemerkenswert einfachen Mitteln.
Um gefährliche Stürze zu vermeiden, schlafen unruhige alte Menschen in sogenannten Niedrigbetten knapp über dem Fußboden. Vor dem Bett fängt eine Matratze einen Fall auf. Dazu kommen Stoppersocken, eine Art Schutzgürtel gegen Oberschenkelhalsbruch und Gymnastik zum Muskelaufbau.
"In der Altenpflege findet langsam ein Umdenken statt", sagt Hirsch. In der Medizin vermisst er diesen Prozess noch. "Gerade die Hausärzte könnten wirklich etwas bewegen, aber sie trauen sich nicht, verstecken sich hinter ihrer Schweigepflicht und wissen oft nicht, was sie tun sollen", sagt der Psychiater.
Marita Halfen kritisiert den Umgang mit alten Menschen in Krankenhäusern. "Die meisten Patienten bekommen ohne medizinische Notwendigkeit einen Blasenkatheter gelegt, weil keiner Zeit hat, sie zur Toilette zu begleiten", sagt sie.
Doch die Gefahr droht nicht nur von Fremden. Manchmal sind es die eigenen Töchter, Söhne, Ehemänner oder -frauen, die zum Täter werden. Überforderung sieht Halfen gerade in der häuslichen Pflege als Auslöser für Gewalt. "Speziell für Frauen ist es gesellschaftlich nicht akzeptiert, die Eltern ins Heim zu geben", sagt sie.
"Sie hat die Mutter abgeschoben", heiße es dann in der Nachbarschaft. Sie empfiehlt Angehörigen, sich ehrlich zu fragen, ob sie der Belastung der Pflege gewachsen sind. "Darüber sind schon etlichen Ehen zu Bruch gegangen", sagt Halfen. Wer sich überfordert fühle, müsse früh genug Hilfe holen.
Wenn die Situation erst einmal außer Kontrolle gerät, komme es oft zu einer regelrechten Spirale der Gewalt. Dabei verschwimmen leicht die Grenzen zwischen Täter und Opfer, hat die ehrenamtliche Helferin beobachtet. Der Krieg beginnt mit Worten, dann kommen die ersten Handgreiflichkeiten. Etwa jedes dritte ältere Gewaltopfer übe selber Gewalt gegen den Pflegenden aus, sagt Hirsch.
Um das Verhaltensmuster zu durchbrechen, setzen Experten vor allem auf Vorbeugung. Alten Menschen empfiehlt die Initiative HsM, sich frühzeitig auf eine mögliche Pflegebedürftigkeit vorzubereiten. "Demenz entsteht auch durch Einsamkeit", sagt Halfen. Senioren sollten soziale Kontakte pflegen, sich aber auch frühzeitig um rechtliche Absicherungen wie eine Vorsorgevollmacht bemühen, die regelt, wer sich bei Demenz um ihre Belange kümmert.
Den oft bemühten Geldmangel als Ursache für Missstände in der Pflege lassen Halfen und Hirsch nicht gelten. "Wichtig ist, dass die Leute sich trauen, sich zu beschweren", fordert Hirsch. "Es geht um das Menschenbild in unserer Gesellschaft, das sich ändern muss."
Altersdiskriminierung zeige sich schon in der Sprache: "Alterslawine, Vergreisung, Demografie-Falle - diese scheinbar harmlosen Wörter sind eigentlich kleine Grausamkeiten", sagt der 65-jährige Mediziner.
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