Winzer passte nicht ins System
08.09.2011 - BODENHEIMVon Lena Fleischer
STOLPERSTEINE Philipp Becker und andere Bodenheimer wurden Opfer der Euthanasie / Mahnmal setzen
Der Bodenheimer Winzer Philipp Becker wurde am 6. September 1940 in der Landesheil- und Pflegeanstalt Gießen ermordet. Für die Nationalsozialisten galt er als „lebensunwert“, passte nicht ins System, weil er zum Geisteskranken gemacht worden war.
Ein Bodenheimer Arzt hatte dem Familienvater psychische Probleme bescheinigt, woraufhin er in die Rheinhessen Fachklinik nach Alzey gebracht wurde. Der Arzt wollte den Winzer schützen - und unterschrieb das Todesurteil des Mannes, der kerngesund war. Der aber aufbegehrte gegen das Hitler-Regime.
Sein Sohn Georg Becker weiß, was auf den Schildern stand, die sein Vater in den Weinbergen heimlich aufgestellt hat: „Deutschland erwache, mit Hitler verkrache.“ Doch jemand hat ihn beobachtet und verraten. Dann gab es kein Zurück mehr für den Mann. Sein Weg führte in den Tod.
Damit die Hetze gegen Behinderte, Kranke und solche, die nicht in die „arische Schablone“ passten, nicht vergessen wird, hat Georg Becker Kontakt mit Horst Kapser aufgenommen. Denn er hat sich bereits dieses Kapitels der Bodenheimer Geschichte angenommen und gemeinsam mit Axel Voigt die Aktion „Stolpersteine“ initiiert. So wurden im Oktober 2009 und im Mai 2010 28 Steine in der Gemeinde verlegt, die an ermordete Menschen erinnern sollen. Nun hat Kasper angeregt, auch für Opfer der Euthanasie „Stolpersteine“ zu schaffen.
Es handelt sich konkret um zwölf in Bodenheim Geborene. Über jeden von ihnen hat Kasper eine Akte angelegt. Er kennt ihre Namen, die er zum jetzigen Zeitpunkt nicht nennen will, er kennt auch ihre Geburtsdaten und weiß, wer von ihnen wann in die Klinik in Alzey eingewiesen wurde. Renate Rosenau ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Psychiatrie im Nationalsozialismus in Alzey“ und hat viel Vorarbeit geleistet, auf die Kasper zurückgreifen kann.
Viele der Bodenheimer wurden später von Alzey in die Tötungsanstalten nach Hadamar oder Goddelau verlegt, weiß der ehemalige Ortsbürgermeister, den die Ortsgeschichte nicht loslässt. Die Verlegung bedeutete ihren Tod: Unter ärztlicher Aufsicht wurden geistig und seelisch Kranke in die Gaskammern getrieben. Bis Adolf Hitler die Tötungsaktion am 24. August 1941 stoppte, waren ihr mehr als 70 000 Menschen zum Opfer gefallen, heißt es.
Horst Kapser hat die Sterbeurkunden der zwölf Bodenheimer oder die Dokumente, die als solche gelten, gesehen. Er weiß: „Es wurden oft Todesdaten und -gründe falsch angegeben, um die Angehörigen zu täuschen.“ Kasper will die Lügen entlarven, mit denen die Nationalsozialisten versuchten, Morde zu vertuschen. „Wurde als Todeszeitpunkt die frühe Morgenstunde angegeben, erfolgte die Ermordung oft durch eine Giftspritze am Abend zuvor“, weiß er. Geld und Kosten sparen und Menschen mit Auffälligkeiten aussortieren, sei das Ansinnen der Nazis gewesen, erklärt Kasper. Er hat herausgefunden, dass Bodenheimer auch aus politischen Gründen nach Alzey eingewiesen wurden und nicht, weil sie psychisch krank waren.
Allgemeine Zeitung - Winzer passte nicht ins System
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