2011-09-13

Altlußheim: Zustände im Widerspruch zu UN-Konvention

Bahnhofsbegehung: Linke laden Experten nach Hockenheim und Neulußheim ein / "Keine Chance für Menschen mit Behinderung" / Kritik an Bahn-Geschäftsgebaren

Zustände im Widerspruch zu UN-Konvention

Von unserem Redaktionsmitglied Vanessa Schäfer
Neulussheim/Hockenheim. Allein schon beim Anblick der vielen Treppenstufen gerät man aus der Puste. Senioren mit Gehhilfe oder Mütter mit Kinderwagen sind ohne fremde Hilfe kaum in der Lage, den Bahnsteig zu betreten. Für Menschen mit Behinderung ist es nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Zu diesem Ergebnis kamen die Linken am Freitag bei der Begehung der Bahnhöfe Neulußheim und Hockenheim.
Neu war diese Erkenntnis nicht. Doch: "Es geht uns darum, diese Tatsache ins Bewusstsein zu rücken", so Heinrich Stürtz, Mitglied des Landtags (MdL). An der Besichtigung der beiden Haltepunkte nahm nicht nur die Bundestagsabgeordnete Sabine Leidig teil, auch Gotthilf Lorch, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft selbstbestimmter Behindertenpolitik der Linken in Baden-Württemberg, sowie Irene Müller, MdL aus Mecklenburg-Vorpommern, waren dabei. Lorch ist durch Contergan geschädigt und so an einen elektrischen Rollstuhl gebunden. Müller ist im Alter von 31 Jahren erblindet.

Ohne Bahn-Personal verloren

"Ich habe keine Chance, hier runterzukommen, um den Zug zu nutzen", bemängelte Lorch. Doch selbst wenn diese Möglichkeit vorhanden wäre: Ohne Bahnhofspersonal, das ihn mit einer Hebebühne unterstützen würde, käme der Tübinger nur in Züge mit ebenem Einstieg hinein.
Für Parteimitglied Gerhard Millgramm stellen die beiden Bahnhöfe ebenfalls eine Hürde da. "Wenn ich einen Koffer diese Treppen hochtragen müsste, wäre ich halbtot", so der Mannheimer, der vor ein paar Jahren an Lungenkrebs erkrankte. Kein Blindenleitsystem, keine geriffelten Aufmerksamkeitsfelder an Treppenanfang und -ende, keine akustischen, zentral gesteuerten Bahnhofsansagen, schlechte Lichtverhältnisse - die Liste der Defizite an beiden Bahnhöfen ist lang.

Vernachlässigung verwundert

"Gerade hier in der Region gibt es viele Einrichtungen für Behinderte und Kranke. Umso seltsamer ist es, dass im Bereich Barrierefreiheit nichts getan wird", äußerte Bundestagsabgeordnete Leidig Unverständnis. Dabei sei seit März 2009 die UN-Konvention über die Rechte der Menschen mit Behinderungen in Deutschland in Kraft. "Solange die gilt, werden wir in dem Bereich aktiv sein", versprach Müller.
Schließlich seien rund zehn Prozent der Bevölkerung auf Barrierefreiheit angewiesen, weitere 40 Prozent bedingt.
Altlußheim: Zustände im Widerspruch zu UN-Konvention

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