2011-09-14

Doktor der Selbstüberlistung | Politik | ZEIT ONLINE

  • Barbara Lukesch
  • Datum 3.6.2009
Doktor der Selbstüberlistung

Er ist blind und körperlich stark behindert. Aber sein Kopf ist brillant. Jetzt strebt Nils Jent in St. Gallen eine Professur an – um zu zeigen, was einer kann, wenn er will
Nils Jent ist blind, körperbehindert, auf den Rollstuhl angewiesen und kann sich nur unter großer Anstrengung artikulieren, und auch dann nur in der verwaschenen, schwer verständlichen Sprache jener Menschen, die einen Hirnschaden erlitten haben. Wer dem gebürtigen Aargauer zum ersten Mal begegnet, läuft Gefahr, ihn als geistig behindert einzustufen, als Wesen, definiert in erster Linie durch seine Mängel. Das ist ihm bewusst, sehr bewusst sogar, denn der 47-Jährige verfügt über einen wachen Verstand. »Ich bin darauf angewiesen«, nuschelt er und zwingt sein Gegenüber zu einer ungewohnten Art von Aufmerksamkeit, »dass sich die Umgebung auf mich einlässt und mir etwas mehr Zeit und Geduld schenkt.« Wer das macht, erfährt, dass ein Doktor der Betriebswirtschaftslehre vor ihm sitzt, der seiner Behinderung zum Trotz die Professur anstrebt. Ein blitzgescheiter Mann, der seinen Haushalt weitgehend selbstständig besorgt.
(...)
In diesen Tagen steht ihm ein wichtiger Karriereschritt bevor. An der HSG nimmt nämlich das Center for Disability and Integration (CDI) seinen Dienst auf. Diese Institution, die in ihrer Art weltweit einmalig ist, soll einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen mit Behinderung die Integration auf dem Arbeitsmarkt ermöglicht oder erleichtert wird. Ins Leben gerufen hat sie der deutsche Internetpionier Joachim Schoss. Er selber hat bei einem Motorradunfall ein Bein und einen Arm verloren. Anlass für ihn, die Stiftung MyHandicap zu gründen.
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