2011-09-04

unser Lübeck - Kultur-Magazin - Art Brut – „Kunst jenseits der Kunst“

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Von Silke Rehbein
Sonntag, 4. September 2011


August Natterer: Hexenkopf
„…Wir sind der Ansicht, dass die Wirkung der Kunst in allen Fällen die gleiche ist und dass es ebenso wenig eine Kunst der Geisteskranken gibt wie eine Kunst der Magenkranken oder der Kniekranken…“ (aus einem Manifest Jean Dubuffets)

Der Begriff „Art Brut“ (französisch für rohe, edelherbe, unverbildete Kunst) geht auf den Künstler, Entdecker, Sammler und Kunsttheoretiker Jean Dubuffet zurück. Er gründete 1947 mit Künstlerkollegen wie z. B. dem Surrealisten André Breton die Compagnie de l`Art Brut und stellte die Sammlung Collection de l`Art Brut zusammen. 1949 wurden 200 Werke von 63 Art-Brut-Künstlern unter dem Titel „Vorzüge gegenüber der kulturellen Kunst“ präsentiert. Weltberühmt ist die Prinzhorn-Sammlung in Heidelberg, eine Zusammenstellung von Werken psychisch Kranker durch den Psychiater Hans Prinzhorn, die im Dritten Reich von den Nazis missbraucht wurden, um in der Naziausstellung "Entartete Kunst" psychisch Kranke und KünstlerInnen zu diffamieren.

Die Auseinandersetzung mit der Kunstform „Art Brut“ ist immer auch eine Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und mit den vielen Definitionen, mit denen versucht wird, die autodidaktische Kunst von Laien, Kindern und Menschen mit geistigen und seelischen Behinderungen jenseits etablierter kultureller akademischer Kunst zu erfassen. So wie die Nazis diese Kunst als „Schmierereien von Irren“ hingestellt und behinderte KünstlerInnen in Konzentrationslagern ermordet haben, so ging nach dem Zweiten Weltkrieg die Bedeutung der „Art Brut“ in sein nächstes Extrem. Die Werke der Kranken wurden als „Ausflüge in die seelische Unterwelt“ bestaunt, seelisch Behinderte wurden wie exotische Wesen vorgeführt und die Werke als „bizarre Psychokunst“ abgefeiert.


Paul Salvator Goldengruen: Die Urgottheit
Im 21. Jahrhundert wird bei der unüberschaubaren Vielfalt von Kunstrichtungen und im Rahmen von Inklusionsbestrebungen völlig anders mit dem umgegangen, was behinderte KünstlerInnen an Werken erschaffen. Viele Künstler – ob „offiziell“ krank oder nicht – verarbeiten seelische Einschnitte in der eigenen Biographie im künstlerischen Prozess - was auch den tieferen Sinn von Ergotherapien ausmacht. Man wird heute keinem Kunstwerk mehr „ansehen“, dass es von einem psychisch kranken Menschen stammt, wenn es nicht explizit betont wird. Kunst im psychiatrischen Kontext – die der Psychiater Leo Navratil in seinen Art-Brut-Theorien als „Brücke zwischen Normalität und Psychose“ bezeichnet hat – wird immer mehr zum Mittel der Inklusion.

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