2011-09-08

Jeder Dritte ein Förderschüler - Hilferuf aus der Oberschule Falkensee / SPD lud zu Bildungsforum mit der Ministerin ein - Märkische Allgemeine - Nachrichten für das Land Brandenburg

BILDUNG: Jeder Dritte ein Förderschüler

Hilferuf aus der Oberschule Falkensee / SPD lud zu Bildungsforum mit der Ministerin ein


FALKENSEE - Kerstin Bachmann, die Rektorin der Oberschule Falkensee, nahm kein Blatt vor den Mund. Sie sagte der Ministerin frei weg, warum sie mit Bauchschmerzen die Debatte zum Thema Inklusion verfolgt, die die Ministerin im Land angestoßen hat.
Demnach sollen künftig Förderschüler nicht mehr in separaten Schulen, sondern in den Regelschulen unterrichtet werden. So, wie es offenbar in ganz Europa, nur nicht in Deutschland üblich ist. Ein Prozess aber auch, der längst in den Schulen Brandenburgs im Gange ist. Die Insider sprechen von „gemeinsamem Unterricht“, der bereits vielerorts praktiziert und auch von den Eltern behinderter Kinder weitgehend gewünscht wird.
Dieser gemeinsame Unterricht aber sieht an Kerstin Bachmanns Oberschule so aus, dass bei 85 der knapp 300 Schüler inzwischen schon „besonderer Förderbedarf“ diagnostiziert wurde. Und die Tendenz steigt. „35 Prozent der Schüler der Jahrgangsstufe sieben haben inzwischen diesen erhöhten Förderbedarf“, konstatierte die Schulleiterin und drückte damit die Sorge aus, dass die Oberschule künftig die verkappte Förderschule werden könnte.
Falkensee hat zwei Gymnasien, eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe und diese Oberschule. Folglich läge es nahe, dass alle Kinder mit Verhaltensstörungen und Lernbehinderungen nach der Grundschulzeit an der Oberschule landen würden, rechnete Kerstin Bachmann vor. „Sie ist die inklusive Schule, das Gymnasium ist exklusiv“, stellte sie nüchtern fest und im gleichen Atemzug auch klar, dass sie sehr wohl die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen ablehne, sei sie doch selbst in der Familie betroffen. „Aber wie sollen wir künftig noch mehr Schülern gesonderte Förderung zuteil werden lassen, wenn die Kollegen schon mit der jetzigen Situation voll überfordert sind?“
Die Ministerin räumte ein, dass dieses Verhältnis „in der Tat eine Herausforderung der besonderen Art“ ist und die Oberschule unbedingt Unterstützung von außen braucht. Auch sollten Schulklassen, die mehrere Förderschüler aufnehmen, grundsätzlich nicht mehr als 23 Schüler haben. An der Oberschule Falkensee allerdings wird die Schulleitung bisweilen schon von Eltern bedrängt, ihr Kind nicht in jene Klasse von verlockender Überschaubarkeit zu geben, sondern in die größere, „damit das ganz normale Kind überhaupt noch wahrgenommen wird“, wie die Rektorin berichtete.
Für die Falkenseer Lehrerin Silke Boll, die selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist und an einer Spandauer Schule eine Integrationsklasse führt, sind derartig „verheerende Bedingungen“ absolut verhängnisvoll. „Sie verderben die Sache, für die wir so lange von unten gekämpft haben und die jetzt endlich auch von oben gefordert wird“, sagte sie.

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